[Und was machst Du so für Fotos?] Schublade mit Aussicht

Wie oft passiert mir das. Irgendwie kommt das Gespräch auf mein Hobby, dann ist die nächste Frage immer: ‚und was machst Du so für Fotos?‘. Was antwortet man da? Ich hab keine Schublade parat.

Mache ich Street Photography? Nein, das kann man nicht sagen. Wenn man sich die – zum Teil in meinen Augen haarsträubend engen – Definitionen der selbsterklärten Protagonisten dieses Genres ansieht (hier zum Beispiel wird in Abgrenzung zu ‚Street‘ noch ‚Urban Geometry‘ definiert. Als Schublade in der Schublade. Will ich da rein?), mache ich das keinesfalls. Ganz kühl betrachtet ist das allein wegen des Themas mit den Persönlichkeitsrechten nicht ohne. Und trotzdem interessiert mich der öffentliche Raum und was er mit uns macht. Wie wir ihn wahrnehmen, wie wir uns darin bewegen, wie er unsere Gegenwart, unsere Erinnerungen und Gefühle prägt.

[und was machst Du so für Fotos-] Stammheim-2

Mache ich Architekturfotografie? Auch das wäre nicht voll treffend, stimmt aber trotzdem. Irgendwie. Klar, egal ob es auf Reisen ist oder zu Hause, Gebäude sind ein wichtiger Bestandteil vieler meiner Bilder. Und dann bin ich ja auch noch Architekt. Das kommt sozusagen erschwerend hinzu. Meine grundsätzlichen Interessen spielen einfach in diese Richtung. Und doch unterliegt gerade dieses Genre sehr besonderen Kriterien. Zumindest die klassische Architekturfotografie ist oft Auftragsarbeit. Sie konzentriert sich eher auf ein Gebäude als auf einen städtischen Kontext. Versucht das Gebäude ‚pur‘ darzustellen, im Idealfall entsprechend seiner architektonischen Idee. Sie ist oft wohlwollend bis unkritisch und lebt von Linien und Flächen, Transparenzen, Spiegelungen und Oberflächen. Auch von Details, von Rhythmen, von kontrollierten (oft auch technisch korrigierten) Perspektiven ohne stürzende Linien. Von einem Bauprodukt und dem Menschen nur als Maßstab. Viel seltener handelt die Architekturfotografie von der Aneignung, die einem Gebäude durch seine Nutzer und durch die Passanten zu Teil wird. Von den Eingriffen und Veränderungen, die aus Architektur Häuser machen. Mich selbst interessieren hier beide Seiten. Wenn ich ein spannendes Gebäude für mich erschließe, fotografiere ich oft im Sinne der klassischen Architekturfotografie. Mindestens eben so spannend finde ich die freier assozierende Fotografie von Gebautem. Da ist man dann aber schon tief in einer Grauzone von Architektur-, Landschaft-, Street-, Reise- und Reportagefotografie.

Und Makro? People? Still? Man könnte immer noch mehr Sujets aufzählen. Vieles davon habe ich schon gestreift, bei dem, was ich tue. Probiere es aus, habe Spaß dran. Nur nenne ich mich nicht danach. Ich mag mich nicht als Makrofotograf oder Streetfotograf oder Landschaftsfotograf bezeichnen. Schon gar nicht mag ich mich auf eines dieser Wörter festlegen. Aber was antwortet man dann auf diese Frage? In den letzten Wochen stand ich gleich mehrfach im Gespräch ohne ‚Claim‘, ohne griffige Antwort da. Ich denke, man könnte sagen, ich fotografiere Ideen. Konzepte. Konzeptionelle Fotografie. Leider klingt das entsetzlich hoch gegriffen.

Im Moment habe ich mir zwei neue Themen vorgenommen. Zu beiden gibt es erste Bilder, die ich aber noch nicht gezeigt habe. Ich will beide Serien etwas einheitlicher halten als in der Vergangenheit. Dahinter muss das Prozesshafte einen halben Schritt zurücktreten. Bilder zeige ich erst, wenn die grobe Linie steht und die erste Hand voll Aufnahmen im Kasten ist. Wie auch immer: Es sind Bildserien. In einem Fall soll die Serie in Hochglanz an die Wand , im anderen wird definitiv ein Buch draus, das gehört zwingend zum… …Konzept. Mit dem Begriff tue ich mich aber ähnlich schwer wie mit dem abgegriffenen Wort ‚Projekt‘.

Was ist die Schublade für jemanden, der sich eine Idee aus der Rippe leiern muss, bevor er Spaß mit der Kamera in der Hand haben kann?

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielleicht wäre die Anwort: „Solche, die mir gefallen. Mich bewegen. Etwas in mir auslösen“ Ich kann diese Schubladen-Denkerei auch unendlich anstrengend.

    Danke für diesen Artikel.

  2. Die Antwort ist ganz einfach, die kannst Du Dir aber aufgrund Deiner Bescheidenheit nicht geben: Du machst GUTE Fotos. Punkt.
    P.S.: Damit bist Du in einer klasse Schublade 😉

  3. Auf flickr gibt es eine Gruppe mit dem Namen „The world through my eyes“ und ich finde, das trifft es ganz gut. Denn, was wir fotografieren, zeigt schließlich, was wir sehen (wollen). Da ist es unumgänglich, dass sich vielschichtige Interessen auch in Bildern ausdrücken, die man unmöglich in ein oder zwei Schubladen einsortieren kann.

    Ich bin zwar immer sehr beeindruckt (und ein wenig neidisch), wenn ich homogene flickr-Streams und Portfolios sehe, aber andererseits möchte ich mich bei der Motivwahl auch nicht einschränken. Und so reihen sich Streetmotive an Kinderfotos und Landschaftsbilder. Und eigentlich kann man alle Fotos doch in eine Schublade stecken. Auf der steht dann: „Diverses“. 🙂

  4. Ich habe es schon auf fb gepostet: Schubladen sind etwas für alle, denen es an Phantasie mangelt.
    Wahrscheinlich helfen uns Menschen derartige Kategorien, um der Welt eine Ordnung zu geben. Diese Ordnung gibt uns Halt. So eine diffuse Art von „Sicherheit“. Alles und jeder, der sich nicht in diese Schubladen einordnen läßt, macht uns „Angst“.
    Du sprichst mir mit deinen tiegründigen Gedanken wieder einmal aus dem Herzen. Vielen Dank dafür

  5. Stefan, ich würde mich freuen, wenn mir jemand diese Frage stellt und sich nicht in erste Linie für mein Equipment interessiert ;-). Die Frage nach dem „Was“ ist doch schon tiefgreifender und hat dich zu diesen Gedanken geführt.

    Ist das so? Musst du dir tatsächlich eine Idee aus den Rippen leiern, um Spaß mit der Kamera zu haben? Du stellst das so in den Raum, aber erläuterst es nicht näher, daher frage ich nach. Ist Spaß hier überhaupt ein zwingender Aspekt?

    Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, woran du arbeitest.

  6. Bevor ich Deine Frage beantworte, Conny, möchte ich mal wieder laut Danke sagen für Eure vielen Kommentare. Danke für das Lob, danke für die weiter gesponnenen Gedanken.

    Natürlich ist der Schluss verkürzt und überspitzt. Mit machen auch die Kameras an sich Spaß und das unbeschwerte Fotografieren im Urlaub, auf Exkursionen oder einfach in der Familie ist auch ein Wert für sich.

    Um die Fotografie um ihrer selbst Willen genießen zu können, gehört für mich aber ein Überbau oder eine Idee oder ein Konzept dazu, ja. wir haben und darüber schon ein anderes Mal unterhalten, da hatte ich es einen ‚Zweck‘ genannt. Auch damals hast Du das kritisch hinterfragt und das ist mir auch wichtig!

    Es ist eine Tatsache, dass ich mir die Sinnfrage stelle, wenn ich einfach freie Zeit in der Stadt und einen Fotoapparat im Rucksack habe. Da bleibt er bei solchen Gelegenheiten dann oft auch.

    Mir geht es auch in der Architektur so, dass die Kreativität wächst, wenn die Aufgabe komplexer wird. Vielschitiger. Die Lösung wohnt der Aufgabe inne. Wenn man sie nicht sieht oder wenn sie zu einfach erscheint, dann hat man wahrscheinlich nicht genau genug gefragt.

    Sebastian, ich finde Deine Gedanken zu den ‚perfekten‘ Portfolios spannend! So klar habe ich das bisher nicht formuliert. Aber die Beobachtung finde ich absolut treffend.

    Liebe Grüße: Steff

  7. Lieber Stefan,
    in deiner ganzen Betrachtung hast du ein besonderes Sujet gänzlich verschwiegen. Aber eines, dass (in unserem persönlichen Fall) wirklich wichtig ist: Familie!
    Wir dokumentieren die Familie in deren Entwicklung über die Zeit hinweg. Und damit haben wir eine besonders schwere Aufgabe. Und eine hohe Verantwortung.
    Einzig: Diese Bilder sind nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Landen in keinem Flickr/Instagram/Facebook/Twitter Stream und nur selten im (Foto-)Blog.
    Das sind Bilder mit mehr Tiefe, mehr Emotionen, mehr Geschichten als alle schwarz-weiß Bilder von unbekannten Menschen die vor einen leeren Backsteinmauer vorbeispatzieren, als alle (halb-)nackten Möchtegern-Models die sich lasziv vor dem heimischen Mini-Studio auf dem Bärenfell drapieren, als alle hundertprozentig akkurat und perfekt korrigierten Architekturfotos von Sichtbeton.
    Ich glaube, wir fotografieren auch hierfür. Für Erinnerungen. Momente. Emotionen.
    Ich finde das ist eine prima Schublade: Familiendokumentator.

  8. Du hast in allen Punkten Recht, Oli und gleichzeitig stelle ich immer wieder fest, dass ich Familie anders fotografiere. Dort steht der Moment im Vordergrund, da ist ganz oft z.B. das iPhone dran mit all seinen gestalterischen Einschränkungen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.