[L] Stuttgart bewegt

Woche 10

Kürzlich haben wir uns hier über Instagram unterhalten. Dass Instagram bei mir eine andere Art zu fotografieren auslöst, dass ich aber womöglich falsch liege, was das Thema Bildserien angeht. Sie sind auch dort möglich. Und Instagram muss nicht unbedingt immer nur ad hoc ‚bespielt‘ werden.

In der vergangenen Woche fiel mir eine Aktion der Stuttgarter Instagrammer ins Auge. Ein Instawalk oder Instameet rund um das Stichwort ‚Stuttgart bewegt‘ (#stuttgartbewegt). Dabei ging es um die sogenannte Kulturmeile in Stuttgart, ein Stück der Stadtautobahn B14, der Konrad-Adenauer-Straße. Beiderseits dieser mindestens 4- teilweise aber auch 8-spurigen Straße sind mit der Alten und der Neuen Staatsgalerie, der Musikhochschule, der Oper, dem Landtag, dem Neuen Schloss, dem Haus der Geschichte, der Landesbibliothek und dem Stadtpalais viele hochkarätige kulturelle Einrichtungen des Landes und der Stadt aufgereiht. Dabei schaffen es die Gebäude in vielen Fällen, sich voneinander abzuwenden statt miteinander zu kommunizieren. Schloss, Oper und selbst der Landtag wenden der Straße den Rücken zu. Und damit auch den Museen und Einrichtungen auf der anderen Straßenseite. Und alle miteinander müssen mit dem Verkehr klar kommen. Einem Verkehr, der manchmal brandet, sich manchmal zähflüssig dahinwälzt, der immer laut und feindlich wirkt, der zu keiner Uhrzeit wirklich aufhört. Er scheidet die beiden ‚Ufer‘ der Meile voneinander und hält sie verlässlich auf Distanz. Seit Jahrzehnten diskutiert die Stadt darüber, wie man diese Straße in den Griff bekommen könnte, man spricht über Deckel und Tunnel aber leben muss man mit Unterführungen und Fußgängerübergängen mit 2-zügigen Ampelschaltungen. Allein der Landtag hat versucht, sich mit seinem neuen Bürger- und Medienzentrum nun der Straße und damit dem ‚Museumsufer‘ zuzuwenden. Entstanden ist ein keimfreies und verglastes rundes Loch in der Wiese ‚hinter‘ dem Parlament. Öffnungszeiten: Montag – Freitag von 9 – 11.30 Uhr und Dienstag – Donnerstag von 14 – 16 Uhr. Absurd genug, um es hier aufzuschreiben.

Der Chef ist im Haus

Die ‚Museumsmeile‘ ist ein Thema für Architekten. Ein Stück meiner geistigen und tatsächlichen Heimat. Als die Neue Staatsgalerie von James Stirling im Jahr 1984 eingeweiht wurde, lag mein Architekturstudium noch vor mir und die Postmoderne (als Baustil) eigentlich schon halb wieder hinter uns. Trotzdem und gerade deshalb war sie ein prägendes Gebäude für mich. Sie zog mich an und stieß mich gleichzeitig ab. Sie hinterfragte vieles und erging sich gleichzeitig in gebauten Scherzen, die beim zweiten, dritten oder siebzehnten Besuch eben einfach nicht mehr lustig waren, für mich. Im Studium waren wir konstruktiv und konstruktivistisch und modern und vielleicht modernistisch, jedenfalls aber ein bisschen links und alternativ und die Neue Staatsgalerie war das alles auch und gleichzeitig auch gar nicht. Und dann folgten dort auch noch die Musikhochschule und das Haus der Geschichte aus dem selben Architekturbüro. Sie setzten das Begonnene fort, auch wenn die Karawane des Architekturzirkus längst weiter gezogen war. Damals fand ich das unmöglich. Heute bin ich ‚etwas‘ milder in meinem Urteil. Es ist ein Segen, dass das abgelegene ‚Ufer‘ der Meile diesen Zusammenhalt hat. Die Zersplitterungen dieses Stuttgarter Traums sind an anderer Stelle ausgeprägt genug.

Der gebaute Witz. Ein bisschen schal nach all den Jahren. Das Schild kannte ich aber noch nicht. Das hat’s für mich rausgerissen

Das Ziel des Instawalks war es, in dieser städtischen Zone nach Orten zu suchen. Orten, die bewegen. Positiv, ambivalent oder negativ. Orte, die den Teilnehmern etwas bedeuten. Begleitet durch ein Team des Stadtpalais und durch eine Stadtplanerin als ‚Expertenjoker‘ zogen wir also im Zickzack über die Museumsmeile, erzählten uns Geschichten, die wir mit den angesteuerten Orten verbinden, Gefühle, Meinungen. Und machten Bilder. Meine zeige ich heute auch hier und lasse noch ein paar vereinzelte konkrete Anmerkungen dazu fallen.

Meine Entdeckung des Abends. Der Turm der Musikhochshule. Ich kann mich nicht erinnern, dort oben schon mal gewesen zu sein. Aber ist ist toll. Gerahmte Blicke in die Stadt, ständig neu.

Ein Bürgerzentrum als momentan noch scheiternder Versuch, den Schlossgarten und das Parlament dem ‚Museumsufer‘ zuzuwenden. Aber in Stuttgart brauchen manche Konzepte mehrere Anläufe. Wir sind jedenfalls ‚fast verhaftet‘ worden, als jemand den Hashtag mit Kreidespray dort hinterlassen hat. ;-)

Das Treffen unter dem Label #stuttgartbewegt habe ich als sehr anregend empfunden. Es fügt sich recht nahtlos dort ein, wo ich mich (meine Fotografie) ohnehin sehe. Nicht im Bereich der Streetfotografie im engeren Sinne, nicht in der reinen Architekturfotografie. Mich interessiert unsere Wahrnehmung von Stadt, von Raum, Ort, Heimat und Natur. Mich interessiert Verwurzelung und Zugehörigkeit, Fremdheit und Anonymität. Das alles hat mit Heimat zu tun. Mit meinem Heimatfilm. Irgendwie. Ich bin wohl hier zu Hause. Kann man in ganz Stuttgart zu Hause sein?

Ein Lieblingsplatz. Ein Unort. Ich mag die Lichter dieses (wie immer) viel zu klein geratenen ‚Hochhäusles‘

70.000 pro Tag. Ich bin nicht sicher. Ich meine das gelesen zu haben

Auf dem Balkon des Stadtpalais. Ein neuer Lieblingsplatz. Laut, ungeschützt, Stuttgart.

Alle Aufnahmen sind mit der Samsung NX300 und dem 16-50 mm Kitobjektiv entstanden. Immer noch ein guter Begleiter.

[L] Capitol Hill, Stuttgart


Woche 7.

„Die Liebe höret nimmer auf“. Das steht über der Tür der Grabkapelle auf dem Rotenberg in Stuttgart. So ein schöner Satz! Hier liegt König Wilhelm I von Württemberg neben seiner Frau Katharina, für die er das Mausoleum errichtet hat. Der Innenraum der Grabkapelle – obwohl nicht wirklich groß – entfaltet eine wunderbare Wirkung. Obwohl mir als Architekt da zuerst Palladio einfallen müsste, hat mich die Halle heute vor allem an den Innenraum des Kapitols in Washington erinnert.

Bilder der Halle. Alle aufgenommen mit dem DA 4.0/15mm Limited auf der Pentax KP:

(L) Instagram

Woche 5

‚L‘, das steht für 50. Auf meiner Geburtstagsfeier wurde ich darüber informiert, mit 50 sei ich nun kein gealterter Jugendlicher mehr. Stattdessen sei ich ein jugendlicher Alter. Schönen Dank auch. Aber OK, dann bin ich also wieder jugendlich (man muss schließlich viel mehr auf Adjektive achten als auf Substantive ;-) . Das hat mich dazu verleitet, (mal wieder) einen Anlauf auf Instagram zu nehmen.

Mir ist bewusst, dass es albern wäre, darüber eine Art Rezension zu schreiben. Ich bin spät dran, mit Instagram. Stattdessen schreibe ich über mich. Wie ich Instagram wahrnehme und was Instagram mit meinen Fotos macht. Für Instagram fotografiere ich anders und bearbeite anders. Alles fängt damit an, was ich überhaupt fotografieren möchte. Hier hilft mir die Plattform in eine Leichtigkeit, die mir mit der großen Kamera manchmal fehlt. Denn Instagram und das Smartphone gehören offensichtlich zusammen, selbst wenn es auch eine App für den PC gibt. Und das führt zu alltäglicheren Motiven. Beiläufig, spontan, Motive, die mir sonst häufig entgehen. Aber auch in Stil und Technik führt Instagram zu ein paar wichtigen Verschiebungen:

1. Ich fotografiere sonst gerne in Serien, Instagram aber lebt vom einzelnen Bild. In der App sieht man jedes Bild seiner Kontakte zunächst nur genau einmal. Beim nächsten Login ist es schon hinter einem zusätzlichen Klick verborgen. Bei diesem einen Mal muss es zünden. Im Vorüberscrollen. Als Einzelstück, nicht als Serie.

2. Ich liebe Details in meinen Bildern. Schärfe, Auflösung und Struktur. In der Instagramm-App kann man nicht wirklich zoomen. Stattdessen rollt Bild um Bild vorbei. Jedes bleibt eine Briefmarke in der Handfläche, seine Wirkung muss es auch in dieser Größe entfalten. Details und Auflösung spielen keine Rolle. Ein Tribut. Und gleichzeitig eine Befreiung von vielen technischen Belangen.

3. Meine Bilder brauchen meistens Zeit. Sie bleiben auf der Karte, wandern dann via Lightroom auf meinen Server. Bei Gelegenheit wird die Spreu vom Weizen getrennt, danach werden die besten Aufnahmen entwickelt und zum Schluss entweder gedruckt oder irgendwo veröffentlicht. Instagram ist schnell. Ich mache ein Bild, bearbeite es (nicht in Instagram, ich bevorzuge Snapseed) und lade es sofort hoch. In der Regel stehe ich in diesem Augenblick immer noch vor meinem Motiv oder bin zumindest noch nicht weit gekommen.

Das alles führt bei mir momentan dazu, dass meine Instagrambilder eine andere Ästhetik pflegen, als meine sonstige Fotografie. Sie werden manchmal mit HDR-Tools gepusht oder hart geschärft und anschließend doch oft wieder mit einem diffusen Glühen überzogen. Damit sie auf einen Blick funktionieren. Auf den ersten. Weil es einen zweiten Blick nur selten gibt. Fotos, die ich nicht speziell für Instagram gemacht habe, ‚funktionieren‘ dort nach meiner bisherigen (geringen) Erfahrung weniger gut, obwohl sie mir (häufig) mehr bedeuten. Instagram erhebt damit zum Prinzip, was in Wirklichkeit auch in anderen Medien gelebte Praxis ist: Bilder haben meist nur Sekunden um zu wirken. Ist das nicht hier auf (m)einem Blog anders? Kann ich nicht hier komplette Serien zeigen? Ja, klar, das ist so. Und gleichzeitig ist mir klar , dass auch die Serie in Sekunden wirken muss. Im Zweifelsfalle muss sie gemeinsam mit der Überschrift das Kunststück schaffen, vorübersurfende Gäste zu einem kurzen Aufenthalt anzuregen. Zum Lesen. Vielleicht sogar zum Wiederkommen. Irgendwann.

Aber ja, das Narrativ, das dem Medium ‚Instagram‘ zueigen ist, hat eben auch seinen Charme. Selbst wenn man sich selbst aus den Bildern heraushält, erzählen sie eine fortlaufende Geschichte. Das tun Bilder meiner Meinung nach ja immer, bei Instagram aber ist es offensichtlicher, denke ich. Der Fotograf wird Protagonist seiner Bilder. Ob er drauf ist oder nicht. Deswegen hat Instagram nach meiner Wahrnehmung in vielen Bereichen längst Facebook beerbt. Nun stelle ich mich also der Frage, was ich mit dieser Erkenntnis anfange.

Ist Instagram geeignet als Schaufenster auf meinen Blog? So war ich mal ‚gepolt‘. Das war es, was ich wollte. Alles was ich oben geschrieben habe, widerspricht diesem Gedanken. Keine Serien, Keine Details, keine Zeit. Gerade der letzte Punkt ist ein Thema. So lange Instagram ‚ad hoc‘ funktioniert, kann es schwerlich als Verweis auf eine ‚Langversion‘ im Blog dienen. Denn die gibt es zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht. Das bedeutet, ich habe drei Optionen: Instagram als etwas ganz eigenes betrachten und behahandeln, meine Art zu fotografieren zu hinterfragen oder meine Art Instagram zu nutzen verändern!

Jahrelang habe ich meinen Instagramaccount kaum genutzt. Ohne mir das geschilderte Dilemma wirklich klar zu machen, wurde ich mit dem Format einfach nicht warm. Nun habe ich mich stattdessen etwas mehr darauf eingelassen, Instagram als etwas eigenes anzusehen. Eigene Bilder für Instagram, die zwar mit mir aber nicht unbedingt mit meiner Fotografie zu tun haben. Ich bin mir nicht abschließend sicher, ob ich das wirklich ‚brauche‘ oder oder ob es eher Energie von dem abzieht, was mir wichtiger ist. Andererseits eröffnen mir diese Bilder auch einiges an Leichtigkeit und Freiheitsgrade, die ich so in der Vergangenheit nicht genutzt habe. Und sie wachsen gewissermaßen auch zu einer Serie heran, irgendwie. Oder nicht?

Mein Instagram-ich findet man unter https://www.instagram.com/le_spationaute/

[L] Zentralperspektive

Woche 3

Wenn man sich also wieder auf seine Umgebung, auf das Spielen und Experimentieren einlässt (Conny), wenn man den Ballast des Wollens und Sollens einfach liegen lässt, dann kann man sich im positivsten Sinne in Zeit und Raum verlieren (Werner) und findet eins ums andere Mal einfach so zu kleinen Serien um der Serie willen (Oliver). Eure drei schönen Kommentare aus der letzten Woche fügen sich nahtlos ein: Ich lasse mich treiben, mit der Kamera in der Hand und dem Kopf voller scheinbar abgeschlossener und voller angefangener oder nur vorgedachter Projekte, Konzepte und Serien. Eine klare Linie suche ich momentan nicht. Nicht zu suchen, öffnet gleichzeitig die Augen und und das Herz.

Heute waren mir auf Facebook zwei alte Bilder von mir selbst als ‚Erinnerung‘ vorgeschlagen worden: Das hier und dieses. Mehrfachbelichtungen. Damit habe ich ja schon öfter experimentiert. Ich vermute, das ist meinem Interesse am Unbewussten und Beiläufigen geschuldet. An Raumwirkung und unserer (meiner) Art der Wahrnehmung.

Heute habe ich mich also wieder ins Menü meiner Pentax KP begeben und ein wenig mit den verfügbaren Modi für Mehrfachbelichtungen gespielt. Die KP kann offenbar sehr viele Bilder zu einem gemeinsamen RAW verschmelzen. ich habe es heute mal bei jeweils neun Auslösungen pro Bild belassen. Anfangs umkreiste ich meine Motive. Mit diesen Bildern war ich unzufrieden. Es fehlte an Präzision, da ich ohne Stativ unterwegs war. In meinem Kopf war die Bildidee straff und kartesisch. Also ist sie verschoben. Heute habe ich das Kreisen ums Motiv dann in einer anderen Achse umgesetzt. Die Ergebnisse wirken auf mich fast wie Mandalas des abgebildeten Motivs und drei stechen für mich besonders hervor. Bei den beiden Bildern oben ist hinter aller Abstraktion noch besonders viel Atmosphäre des Ortes spürbar. Und bei diesem hier ist es im Gegenteil einfach die Bildwirkung und Farbigkeit, die mich anzieht:

Und dann hätte ich noch diese vier, um eine kleine Serie draus zu machen ;-)

[L] Angebunden

Woche 2: Eine Miniserie. Eine Fingerübung. Ein ambivalentes Wort.

Ich war im Urlaub. Abstand vom Alltag ist das Ziel und es ist mir gut gelungen obwohl unsere Urlaubsziele diesmal wenig exotisch waren: Wir haben eine Woche im eigenen Garten gezeltet und in der zweiten Woche waren wir – wie jedes Jahr ein Mal – auf dem Sigmundenhof im Schwarzwald. Dort gibt es einen leisen Ort (der ganze Hof ist ein leiser Ort) am Waldrand. Eine hölzerne Hängematte lädt dazu ein, die Ruhe aufzunehmen und wirken zu lassen. Ich hatte die Kamera dabei – aus einer Laune heraus mit dem Lensbaby drauf – und habe mich an einer bewährten Übung versucht, um herunter zu kommen und den Blick zu trainieren: Einfach mal zehn, fünfzehn Minuten lang nur noch eine Sache fotografieren. Noch besser wäre eine halbe Stunde, was ich hier aber nicht geschafft habe. Nach den ersten Aufnahmen denkt man, „das war’s, ich hab’s im Kasten“. Aber wenn man sich wirklich drauf einlässt, dann findet man vielleicht plötzlich in ein Thema, zu einem Label, einem Gedanken: „Angebunden“. Ein Wort mit Spannweite. Und wenn man dann mit dem Wort im Kopf weiter fotografiert, dann verändert das Thema plötzlich den Blick. Und ein paar Spielereien lernen, ein klein wenig zu fliegen.

[L] Woche 1

Seit einer Woche bin ich wieder mal ein Jahr älter. Nichts besonderes, man fühlt sich am nächsten Morgen nicht anders als am Abend davor. Aber die Zahl! Symbolträchtig. Und so beginne ich dieses Jahr mit einem Rückblick. Weit zurück und ohne Bilder. Nein, ohne Fotos.

Als mein Vater 50 wurde, war ich 18 und er war alt. Heute bin ich der Vater und hab meinen Kindern scherzend angekündigt, auch ich würde jetzt alt. Mein Sohn nahm es mit Gelassenheit und offensiver Langeweile: ‚Papaaaaa‘. Meine Tochter ist jünger. Sie verbot mir mit unsicheren Anflügen von echter Sorge das Tragen von beigefarbener Kleidung aller Art. Ich müsse so bleiben, wie ich sei. Ein schöneres Geschenk kann man sich ja kaum wünschen.

Mein Vater also war alt. Aus meiner damaligen Sicht. Er pflegte seine Hobbys, in dieser Zeit war das bei Ihm vorrangig die Angelei. Er angelte so oft sich Gelegenheit bot und war aus unserer Sicht in dieser Zeit vor allem einfach nicht da. Denn geangelt wurde am frühen Morgen und danach verschlief mein Vater die Mittagszeit auf dem Sofa. Nachmittags war dann oft genug Vereinsarbeit angesagt oder er ackerte mit meiner Mutter im Garten und kämpfte im Winter mit einem elektrischen Heizlüfter in der Garage dagegen, dass die selbst erzeugten Kartoffeln von Frost verderben. Mein Vater kaufte in dieser Zeit ein neues Auto, das sich schnell zu meinem neuen Auto mauserte (wie gesagt: ich war 18). Er wechselte einen Job, zum letzten Mal. Gut 10 Jahre später ging er in Rente. 45 Beitragsjahre. Er kleidete sich (vorsichtig ausgedrückt) sehr konservativ, Musik in unserem Haus kam aus dem Fernseher in der nussbaumfurnierten Wohnzimmerschrankwand oder aus einem Transistorradio in der Küche und war volkstümlich. Immerhin noch wirklich traditionell: Zither, Akkordeon, mehrstimmiger Gesang in weitgehend unverständlichem Dialekt. Das sind so Erinnerungen an meinen Vater mit 50.

Natürlich fühle ich mich jünger als er mir im Rückblick erscheint. Meine Kinder sind jünger, mein Musikgeschmack ist jünger, mein Berufsleben ist jünger und meine Hobbys kommen ohne Verein aus. Auch dieses hier: die Fotografie und das Bloggen. Aber natürlich bin ich nicht wirklich jünger und an so einem symbolträchtigen Datum holt einen die Zukunft in Form von Erinnerungen ein. Ja, das geht. Erinnerungen an meinen Vater, der nur wenige Jahre nach seinem Ruhestand mit einem schweren Schlaganfall zumindest den Teil seines Lebens verlor, der mit Erinnerung und mit dem zu tun hatte, was ihn ausmachte. Was ihm Spaß machte. Wenn wir ihn später im Rollstuhl am Wasser entlangschoben und ihm die stehenden Fische unter überhängenden Zweigen zeigten, reagierte er nur mit Traurigkeit.

Erinnerungen sind ein Stichwort, das mich seit langem beschäftigt. Das ‚Liebeslied‘, das ‚Haushaltsbuch‘, das sind Serien, die sich unmittelbar mit Erinnerung befassen. Die erste mit Menschen, die andere mit persönlichen Dingen. Bei ‚Lichtseen und Schattenpfützen‘ bezieht sich das Erinnern auf Räume und Licht, nicht auf Momente und Menschen oder konkrete Gegenstände. Meine größte Serie, ‚Heimatfilm‘ spielt schon im Titel mit Wörtern, die einem auch im Kontext von ‚Erinnerungen‘ einfallen könnten. Tatsächlich schwang bei dieser Serie immer mit, eine Sammlung von Bildern zu schaffen, die den Ort der Kindheit meiner Kinder einfängt. Wenn die sich in 20 Jahren mal fragen, warum sie eigentlich in einem Hochhaus aufgewachsen sind. Und wie das mal war. Bilder formen die Erinnerung in der Zukunft. Diese Last und diese Macht tragen sie in sich.

Ich hab auch mal dargelegt, warum nur Bilder wichtig sind, die mir wichtig sind. Daran hat sich dem Grunde nach nichts geändert. Was sich ändert, sind die eigenen Prioritäten. Die eigene Meinung, was denn nun wichtig sei, was kennzeichnend sei für unsere Zeit, unser Leben, mein Leben, mich. An was möchte ich mich erinnern. An was möchte ich erinnern. Wie möchte ich erinnert werden?

Ich habe mir vorgenommen, daran (wieder) intensiver zu arbeiten. Ich kann und will nun kein großes neues Projekt ausrufen, denn ein eng umgrenztes Konzept habe ich nicht. Vielleicht werde ich dort hin finden, in den letzten Jahren hat mich die Suche nach einem solchen Konzept aber nicht immer vorwärts gebracht. Manchmal hat sie mich auch gelähmt. Aber laut zu denken, hier, das hilft mir immer. Und Feedback zu bekommen natürlich. Vor allem aber hilft es aber auch, zu fotografieren oder zu zeichnen. Kleine Serien, kleine Reisen, kleine Fluchten. Mal als Fingerübung oder Experiment, mal als beständiges Kreisen um meine Themen: Heimat, Liebe, Raum, Erinnerung. Neues und Vertrautes. Allgemeines und Besonderes. Regeln und Ausnahmen. Überblick und Details. Medienwechsel.


[Landschaftssehnsucht – Sehnsuchtslandschaft] Der Bootsfresser

Ein Wahrzeichen von Calasetta ist der Mangiabarche, der ‚Bootsfresser‘ vor der Westküste. Ich wollte ihn im Sonnenuntergang fotografieren und war ein gutes Stück vor der Zeit dort. Die Wolken haben mir aber ein anderes Bild beschert, bevor es sich vollends zugezogen hat…

[Landschaftssehnsucht – Sehnsuchtslandschaft] Mond über Sant’Antioco

Ich trau‘ mich kaum zu (be)schreiben, wie das entstanden ist: Nach der Fototour an der Küste spontan ins Inselinnere abgebogen. Erste Motivsuchen wurden durch Schwärme von Stechmücken vereitelt, die mich innnerhalb von Minuten wie einen Tetrapack leersaugen wollten. Dann dieses Sträßchen, dieser Mond, diese Weite, dieses Licht. Kein Verkehr. Anhalten, zurücksetzen , zentimeterweise hin und her rollen. Kamera anlegen. Seitenscheibe runter lassen. Abdrücken. Wieder hoch, sieben Mücken im Auto erschlagen, weiterfahren. Und trotzdem mag ich dieses Bild sehr.