[Das Buch, das es nicht gibt] Sammlerstück

Vor rund drei Jahren hab‘ ich in einem Museumsshop ein Buch ergattert, das schon damals im Netz nur noch zu spekulativen Preisen angeboten wurde (und daran hat sich seither wenig geändert). Ich wollte es und als ich es hatte, wollte ich es mir für einen besonderen Moment aufheben. Es stand eingeschweißt im Regal. Bis heute. Heute war Zeit.

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Walter Niedermayr ist ein norditalienischer Fotograf, dessen Achitektur- und Landschaftsfotografien auf mich immer sehr atmosphärisch und abstrakt wirken. Und leicht. Ein wiederkehrendes Motiv seiner Arbeiten ist die Reduktion der Farbigkeit und der Umgang mit sehr viel Licht. Die Bilder wirken oft fast durchsichtig, Farben wirken wie aquarelliert, die Szenen dadurch fast irreal.

SANAA ist ein tokioter Architekturbüro, geführt von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa. Im Bildband, dessen Titel einfach die Namen des Fotografen und der Architekten vereint, vereinen sich auch die ebenso aufgelöste und flüchtige Architektursprache von SANAA mit Niedermayrs Bildstil. Und natürlich vereint diese Begegnung dreier Künstler aus zwei ganz unterschiedlichen Welten auch meine Interessen in sich. Architektur und Fotografie. Raumwirkung und Subjektivität.

Und das ist auch der Grund, warum ich über dieses Buch berichte, obwohl man es (im Ernst eigentlich) nicht mehr kaufen kann. Mit langen Zeiten löst Niedermayr die Personen in seinen Bildern teilweise auf. Die Rümpfe bleiben dann wie zerschnittene Schattenrisse stehen, wenn ein Passant sich nur teilweise bewegt. Er wird eine Skulptur im Raum. Mensch genug, Maßstab genug. Andere Figuren bleiben unversehrt.

Seinen Räumen gibt Niedermayr ein Strahlen an der Grenze zum Ausbrennen. Himmel sind weiß, Böden oft auch. Blicke aus Fenstern sind pastellfarben. Die Schärfentiefe ist meist sehr groß, der Raum bleibt präzise und scharf und dennoch darf er diffus werden und sich auflösen. Das scheint unvereinbar, ist es bei Niedermayr aber nicht.

Da fragt man sich dann schon, ob’s nicht gescheiter gewesen wäre, das Buch drei Jahre früher anzusehen. Aber ob ich dann gesehen hätte, was ich jetzt darin sehe? Vermutlich nicht. Ich mag nicht verallgemeinern aber um etwas zu begreifen, muss ich darauf vorbereitet sein. Die Reduktion der Details zu Gunsten von Wahrnehmung, Licht und Raum ist seit ein paar Jahren eine Dauerbaustelle für mich. Ich kreise darum. Niedermayr macht’s genau anders herum. Er bleibt scharf und führt die Auflösung und Abstraktion über das Licht herbei. Und gleichzeitig finde ich mich genau darin aber auch wieder. In meiner ‚Anleitung‘ zur manuellen Belichtung hatte ich angerissen, dass Entscheidungen auch bedeuten dürfen, dass Flächen ‚ausbrennen oder absaufen‘. Das ist nicht neu und keine besondere Errungenschaft (High-/Low-Key) aber es ist eben ein zweites Thema, das mich beschäftigt und für das Niedermayr in diesem Buch steht. Ich hab was zum Nachdenken.

Das Buch holt mich dort ab, wo ich gerade stehe.

 

 

 

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Stefan, wenn man die Bilder in der Übersicht der G-Bildersuche sieht, fällt sofort auf, was du in diesem interessanten Post beschrieben hast. Die Art der Bilder ist schon besonders und es muss ein Genuss für dich sein, jetzt bereit für diesen Schatz zu sein. Ich bin gespannt, was das vielleicht bewegt. LG, Conny

  2. Ich beneide dich um dieses Schätzen im Schrank und deinen Blick fürs besondere. Freue mich auch neue Artikel und Sichtweisen. Danke!

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