[geklärt] ‚Shallow Depth of Field‘

Heute lasse ich mich mal über ein ganz allgemeines Fotothema aus: Fotografie mit geringer Tiefenschärfe.

Eine vielleicht überraschende Erkenntnis ist, dass bei gegebenem Abbildungsmaßstab (z.B. einem Portrait) und gegebener Blende/Lichtstärke (z.B. 1,4) die Tiefenschärfe von der Brennweite völlig unabhängig ist.

Die Brennweite bewirkt in diesem Fall jedoch unterschiedliche Aufnahmeabstände (was bei Portraits von diskret bis aufdringlich reicht, im Zoo jedoch auch gern von möglich bis unmöglich) und damit unterschiedliche Perspektiven. Bei kleiner Brennweite wird der abgebildete Gegenstand immer plastischer bis in den Bereich der Verzerrung, bei langer Brennweite immer ‚flacher‘.

Interessant ist auch der Hintergrund. Er ist bei kurzen Brennweiten perspektivisch verkleinert aber dafür wird ein größerer Blickwinkel mit abgedeckt, mit zunehmender Brennweite steht der HG zunehmend größenähnlich hinter dem Motiv aufgestaffelt, ich denke, man spricht von ‚Raffung‘. Es lässt sich somit leichter ein neutraler Hintergrund finden um ein Objekt (oder Portrait) völlig zu isolieren während eine Normalbrennweite oder ein Weitwinkel eher daraus leben, eine Beziehung zwischen Objekt und Ort herzustellen.

Im Grunde führt eine längere Brennweite (z.B. ein Portraitobjektiv) somit vor allem zur Konzentration auf das Motiv ohne ausgeprägtem Kontext. Auch die klassische ‚Überblendung‘ der Schärfeebene von einem zum nächsten Objekt (im Film) ist jedoch eine Domäne mittlerer und langer Brennweiten (da hierfür die Raffung erforderlich ist).

Eine kürzere Brennweite eignet sich dagegen besser für Beziehungen zwischen Hauptmotiven, Vorder- und Hintergründen, räumliche
Gliederungen, Kontext.

Ein Beispiel: Ein Hochkant-Brustportrait (Objekthöhe ca. 60 cm) mit einem 50-mm-Objektiv an APS-C erfordert einen Aufnahmeabstand von nur ca. 1,25 m. Die Tiefenschärfe beträgt dann jedoch auch nur noch gut 4 cm was schon recht extrem ist. Mit der doppelten Blende (2,8) steigt auch die Schärfentiefe auf das Doppelte (gut 8 cm).

Verwendet man stattdessen eine Normalbrennweite (hier: 35 mm), so schrumpft der Abnahmeabstand auf leicht indiskrete 90 cm, ein 85-mm-Objektiv vergrößert ihn auf 2,25 m. Ein typisches 100/3,5 meistert diese Aufgabe mit 2,50 m Abstand und 10 cm Tiefenschärfe.

Ganz allein die Lichtstärke eines Objektivs beeinflusst also die geringste erreichbare Schärfentiefe bei gegebenem Abbildungsmaßstab. Als Möglichkeit, diese Gesetzmäßigkeit zu durchstoßen, bietet sich einzig die Verwendung vonTilt-/Shift- (T/S) Objektiven an, die eine Gestaltung der Tiefenschärfe unabhängig von Brennweite und Lichtstärke erlauben. Vereinfachend kommt auch ein Lensbaby in Frage. Ein Lensbaby unterscheidet sich von einem ‚echten‘ tiltbaren Objektiv durch die Tatsache, dass es selbst perfekt axial verwendet nur einen Spot (in diesem Falle dann in Bildmitte) scharf abbildet und zu allen Seiten drastisch abfällt, vermutlich nicht zuletzt durch eine extreme Bildfeldwölbung. Daher erlaubt es im Gegensatz zu einem T/S nicht den (ursprünglichen Haupt-) Zweck der Vergrößerung der Schärfentiefe, nur eine selektive Reduktion ist möglich. Es handelt sich also um eine typische ‚Effekt‘-Linse.

Der ursprüngliche Begriff der Lichtstärke hat dagegen heute an Bedeutung verloren, da die Kameras in guter Bildqualität hohe Empfindlichkeiten zur Verfügung stellen, die das Thema Bildgestaltung über Schärfentiefe von der Verfügbarkeit ausreichenden Lichts weitgehend entkoppelt haben.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wobei es Deine Frage nach dem Einfluss des Sensorformat nicht wirklich klärt. Wenn ich das richtig sehe, geht bei gegebenem Bildwinkel, Aufnahmeabstand und Blende (also zum Beispiel bei einem Brustportrait mit 2.8/56mm an APS-C vs. 2.8/85 an KB) der Crop faktor als Multiplikator in die Tiefenschärfe ein. Also in diesem Beispiel ca. 6 cm an KB (mal 1,5 =) zu ca. 10 cm an APS-C

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