[Au Revoir Paris, ici Stuttgart] Warum nur Bilder wichtig sind, die mir wichtig sind

Ein Versuch zum Thema Straßenfotografie. Hat ja sonst noch nie jemand was drüber geschrieben 😉

Meine ‚Weltreise Stuttgart‚ spielt mit einer Interpretation meiner Heimat, mit der Projektion eines diffusen Fernwehs und natürlich mit dem Aufscheinen der Globalisierung, hier in Stuttgart. ‚Lichtpfützen und Schattenseen‚ sucht nach einem fotografischen Ausdruck für die alltägliche, ungerichtete Wahrnehmung von Stadtraum und Licht. Und ‚Heimatfilm‚ bedient sich der Mittel einer Reportage sowie der Landschafts- und Architekturfotografie um etwas sehr Privates zu fassen: Meine Gegenwart. Den Ort der Kindheit meiner Kinder. Heimat eben. Alle Serien haben viel mit mir selbst zu tun, sind formal in meinem Hintergrund als Architekt verankert und erzählen nicht nur die Geschichten des Abgebildeten sondern auch die des Abbildenden…

Ist das ‚Straßenfotografie‘? Nach meiner Rückkehr aus Paris in der letzten Woche habe ich sofort damit begonnen, den Radius meiner Streifzüge im ‚Heimatfilm‘ auf die Innenstadt auszudehnen. Und ich machte einige Bilder, die sich gut in den netzweiten Datenstrom an genretypischen Bildern einsortieren lassen. So gut, dass ich mich frage, wie sehr das noch ich bin. Wie viel oder wenig mir das bedeutet. Ob das ein Weg für mich ist.

Klar, die Aufnahmen kann man so lesen, dass sie zwischen den drei oben genannten Serien zu changieren scheinen. Sie zeigen ein Stuttgart, das auch Paris sein könnte, sie verwischen Bildinhalte zum Eindruck von Bewegung. Und ganz nüchtern dokumentieren Sie das hier und heute. Der altertümliche Schuster. Der Bioladen, der scheinbar nur Orangen verkauft. Reicht das?

Warum fotografieren wir? Klar, das läuft unter ‚Hobby‘. Aber dieser Begriff impliziert einige Sinnfreiheit. Das trifft es nicht. Ein Hobby hat für mich eher den Sinn, Freiheit zu gewähren. Zum Beispiel die Freiheit, jenseits von Notwendigkeiten einem Anliegen zu folgen.

Welchem Anliegen folgt man also damit, anlaßlos städtische Szenen zu fotografieren? Straßenfotografie ist eine zugängliche, interessante Fotografie. Sehe ich mir gerne an! Da schaut (im positiven Fall) jemand aufmerksam hin, sammelt Sehenswertes, Stimmungsvolles, Anekdotisches, Kritisches, Typisches oder Untypisches, Zeitgeistiges oder aus der Zeit Gefallenes. Der Fotograf schaut genauer hin als man es im Alltag tut. Er sucht. Er hält fest, was sonst flüchtig wäre und in der schleichenden Veränderung unserer Welt verschwinden würde. Seit wann schauen zum Beispiel alle Menschen immer in Ihre Smartphones? Wie war das vorher? Wie wird das wirken, wenn man in einigen Jahren zurückblickt? Wenn man selbst der Fotograf ist, spürt man, wie die Kamera als Katalysator für die eigene Wahrnehmung dient, wie man mit jedem Blick und jedem Klick mehr sieht.

Aber wie wichtig ist (mir / Dir) dieser ’sportliche‘ Aspekt, dieses Wahrnehmungstraining? Die Aufnahmen fließen in den Bilderstrom des Netzes, in die dunklen Ecken der Festplatten. Die wenigsten schaffen es auf Papier oder gar an Wände. Das ist OK. Aber welche Bilder oder welche Serien schaffen es, etwas im Betrachter auszulösen? Interesse, Neugier, Ärger, Freude.

[Heimatfilm unltd.] Au revoir Paris, ici Stuttgart-4
[Heimatfilm unltd.] Au revoir Paris, ici Stuttgart-3
[Heimatfilm unltd.] Au revoir Paris, ici Stuttgart-1

Am Dienstag hatte ich Besuch. Oliver Schlecht wurde von einer Bekanntschaft 2.0 zu einem ‚Kontakt‘ im echten Leben und es war ein sehr angenehmes, interessantes Treffen. Oliver behandelte in seinem 2013er Seminar ‚Der Weg zum besseren Bild‘ an der VHS Vaterstetten u.a. das sogenannte 4-Augen-Modell in der Fotografie von Martin Zurmühle. Das Gespräch darüber passte sehr zu meiner etwas provokativ formulierten Idee für diesen Artikel, warum nur Bilder wichtig sind, die mir wichtig sind.

Tatsächlich geniesse ich die Straßenfotografie als einen intelligenten Zeitvertreib. Eben wie einen schönen Sport, den man nicht macht, um ein Ziel zu erreichen sondern um sich an diesem Sport zu freuen. Vielleicht greift sogar der Vergleich mit der Meditation. Ein ganz wichtiger Teil dabei ist aber das, was Zurmühle das ‚ich-Auge‘ nennt: Neben formalen Aspekten des Bildes, neben den Geschichten, die es erzählt und neben den Gefühlen die es transportiert oder auslöst kommt es entscheidend darauf an, was der Fotograf (in meinem Fall also ‚ich‘ 😉 ) in das Bild mitbringt. Zu einem guten Bild gehört eine Einstellung. Kritik zum Beispiel. Oder einfach Zuneigung oder Verbundenheit.

Wovon ich wenig halte sind Gleichgültigkeit, Beliebigkeit oder Respektlosigkeit. Hier spürt man auf welchem äusserst schmalen Grad z.B. ein Künstler wie Bruce Gilden unterwegs ist. Seine Bilder bewegen sich tief im Grenzbereich zum Voyeurismus und es ist bestenfalls die Ernsthaftigkeit, Konsistenz und Ausdauer in seiner Arbeit, die mir eine wacklige Brücke bauen, seine Arbeit zu akzeptieren. Bei den zahlreichen Epigonen, die versuchen, es Ihm gleich zu tun, gilt das für mich nicht mehr. Das ist nichts, an dem ich teilnehmen möchte.

Und so ist es: Das Schaufenster des Schuhmachers bringt mich jedes mal dazu, stehen zu bleiben und die Werkzeuge und Materialien zu bewundern. Einen Schuh vor dem Schuhmacher einzufrieren, in aller Bewegung seines Trägers, schien mir da die richtige Antwort. Oder der kleine Konditor, der den großen Backwarenketten trotzt und in dessen Auslage immer so viele Kuchen und Torten stehen. Er steht mit dem regennassen Pflaster, dem Radler und dem Roller für das Viertel in dem ich schon seit zehn, eigentlich sogar seit 18 Jahren arbeite. Ich mag diese Orte. Deshalb fotografiere ich.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr interessant, deine Gedanken zum Thema.
    Ich seh es ähnlich.

    Auf Wiederlesen, Frank

  2. Ein Artikel den es lohnt mehr als einmal zu lesen. Danke für den inspirierenden Abend! 😉
    lg, oli

  3. Ja, sehr schön. TIefe Gedanken. Teile ich einiges. Danke für diese Anregung.
    Lg,
    Werner

  4. Pingback: [Spiel’s noch einmal, Sam!] Wahrzeichen zum Zweiten | Stefan Senf – Motivprogramm

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