[Verlust und Wiederentdeckung] Life is thirtyfive

35 mm. Die klassische Brennweite. An den kleineren APS-C-Sensoren braucht man für diesen ‚Blick‘ ein Objektiv mit 24 mm. Und das gibt es meistens nur noch als unbeachtete Markierung auf dem Zoom.

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Der Dreh- und Angelpunkt eines Objektivsortiments für Kleinbildfilmkameras vor Einführung des Zooms war meist das so genannte ‚Normalobjektiv‘ mit etwa 50 mm. Es trennte zwischen Weitwinkeln und Teleobjektiven. Dafür gab es technische und weniger technische Begründungen. Die Brennweite eines Normalobjektivs entspreche der Diagonale des Aufnahmemediums sagte man zum Beispiel. Oder der Bildwinkel entspreche dem ’normalen‘ Sehen des Menschen. Leider misst die Diagonale bei Kleinbildfilm nur gut 43 mm. Dafür ist das Sehfeld des Menschen ein liegendes Oval und im horizontalen Bereich fast 180° weit*. Tatsächlich rührt die Tradition der 50 mm also vermutlich auch daher, dass solche Objektive mit einfachen optischen Konstruktionen gleichzeitig hochwertig, preiswert und sehr lichtstark gebaut werden konnten. 50 mm waren früher für die Spiegelreflex das, was heute ein 18-55er Zoom ist: Grundausstattung.

Dass das 50 mm auch an heutigen APS-C-Kameras noch so viele Freunde hat, hat den gleichen Grund. Meist ist es billig, scharf und lichtstark. Nur dass es leider zu einer etwas knappen Portraitbrennweite mutiert. Den Bildwinkel eines 50 mm Objektivs (an Kleinbildfilm) könnten an einer APS-C-Kamera stattdessen Optiken mit 35 mm Brennweite ersetzen. Nach meiner Wahrnehmung sind die aber vergleichsweise unbeliebt. Mit der meist etwas geringeren Lichtstärke (häufig f2.0 oder f2.8) und der kürzeren physikalischen Brennweite ermöglichen Sie nicht das gleiche Maß an ‘Freistellung’: Die Trennung des scharfen Motivs vom unscharfen Vorder- und Hintergrund fällt weniger deutlich aus. Außerdem liegt die Brennweite eben auch mitten im Umfang aller gängigen Zooms. Und dort in einem Bereich, in dem die technischen Schwächen eines Zooms minimal sind. Da hat es eine Festbrennweite heute schwer.

An Kleinbildfilm waren 35 mm dagegen die Universalbrennweite schlechthin. Ein bisschen weitwinkliger als das 50er, ein bisschen normaler als das 28er, eine moderate Mitte. Verzeichnungsarm, mit hoher Schärfentiefe. Die Anforderungen der ‚Straßen-‚ oder Reportagefotografie lassen schön grüßen. Die Brennweite fand sich also häufig bei zoomfreien analogen Kompaktkameras. Rollei. Minox. An der APS-C-DSLR aber, ist der Winkel fast verschwunden. 24 mm Objektive sind selten und meist teuer. Der Bildeindruck von 28 mm Objektiven ist dagegen schon deutlich anders. Weniger universell und doch unentschlossener. Klar, die Brennweite ’24 mm‘ wird durch die gängigen ‚Kitoptiken‘ von APS-C-Kameras (meist 18 – 55 mm) mit abgedeckt. Dort sind sie aber nur eine undefinierte Station. Zumindest was mich angeht, muss ich zugeben, dass ich Zoomobjektive überproportional häufig am oberen und unteren Anschlag verwende. Die Zwischenstationen sind Zufall und Ausnahme. Und ich denke, das gilt nicht allein für mich.

Der Bildeindruck des ‚alten‘ 35ers ist also ins Hintertreffen geraten. Verzerrungsreichere Weitwinkel (18 mm am Kitobjektiv) und zu kurze oder zu lichtschwache Portraitbrennweiten (in Form eines ‚alten‘ 50ers oder den 55 mm des Kitobjektivs) dominieren. Ich finde das schade.

Das waren jetzt (fast) genug Zahlen. Allen, die bis hier durchgehalten haben: Vielen Dank, ich bin fast fertig. Die Stichworte für mein Plädoyer sind schon gefallen. Für den Bildwinkel eines 35ers an Kleinbildfilm. Und für den eines 24ers an APS-C:

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Life is thirtyfive

Wenig Verzeichnung, wenig Verzerrung, wenig Vignettierung. Die typischen Attribute eines Weitwinkelobjektivs vermeidet der Bildwinkel des 35ers noch weitgehend. Da bleiben Linien gerade (auch ohne das erst in der Nachbearbeitung zu erzwingen), da stürzt nicht gleich jede Vertikale in wilder Dramatik den Bildecken entgegen  und die Bildecken selbst sind nicht gefühlte 2 Belichtungsstufen dunkler als die Bildmitte.

Nah dran, viel drauf, viel Tiefe. Das 35er rafft nicht. Es stellt nicht frei. Es erlaubt Landschaften und Architekturaufnahmen wie ein Weitwinkel. Oder es zwingt einen, näher an sein Motiv heranzugehen. In eine Beziehung zu treten. Dafür belohnt es einen mit kräftigen Proportionen und einer unkritischen Tiefenschärfe.

In diesem Sinne kann es wohl kaum als Zufall durchgehen, dass die ’35mm‘ (bzw. dieser Bildwinkel) heute von  Kameras wie der Fuji X100/X100s oder der Sony RX1 wieder aufgenommen werden. Selbst das ‚alte‘ iPhone 4, Auslöser des ganz großen Smartphone – Fotobooms, griff zu dieser Perspektive. Probiert es aus. Klebt Euer Zoom mal für einige Tage mit Gaffatape auf ’24 mm‘ fest (APS-C-Kamera) oder grabt das 35er aus, wenn Ihr eine KB-DSLR besitzt!

 

*Dieses scheinbar riesige Gesichtsfeld ist leider mit großen Einschränkungen verbunden. So muss unsere GPU (aka. unser Sehzentrum) u.a. mit starken Farbfehler im äußeren Bereich umgehen. Der scharfe Fokus unserer Augen ist nur etwa ein unglaubliches Grad breit. Die Diskrepanz zwischen diesen Extremen bewältigt allein unser Gehirn und erschafft uns den Eindruck eines viel breiteren (wenn auch nicht 180° weiten) Gesichtsfeldes. Ob es aber ‚genau‘ einem 50 mm Objektiv entspricht, muss man wohl offen lassen.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Du stehst mit deiner Meinung nicht allein. Bis zu meinem Wechsel zum Vollformat dieses Jahr blieb diese (äquivalente) Brennweite eher unbeachtet. Heute ist das 35er meine „immer drauf“ Linse – und das aus den von dir genannten Gründen. Ein Standardzoom macht bequem (mich jedenfalls) und ich hab mich früher oft erwischt, einfach am Zoomring zu drehen, als den berühmten Schritt vor oder zurück zu machen. Ich möchte diese Zoomobjektive nicht schlecht machen, aber sie verhindern in meinen Augen all zu oft, bewusst die Bildwirkung einer bestimmten Brennweite (wie hier die 35mm) einzusetzen.

    In diesem Sinne.

  2. Gute Bilder, gutes Essay. Und darauf der Klecks Sahne: die hervorragende Headline. Prima, Stefan.

  3. Das sehe ich ganz genau so. Mein Lieblings-Immer-Dabei ist das Sigma 35 F1.4. Macht einen Riesenspass!

  4. Du sprichst mir aus der Seele! Bei mir ist es das 20mm von Nikon, eine Linse die schon viele Jahre auf dem Buckel hat, die nicht schnell ist und sicherlich nicht verzeichnungsfrei (Wobei man am Crop ja nur den Sweetspot verwendet). Egal!
    Weil nach vielen Jahren von Ultrazoom und Standardzooms erschließt sich für mich persönlich die normale menschliche Sehgewohnheit als meine Bildsprache. Vorbei die Zeit der f1,4 Bokeh-Jagt, vorbei die Zeit der 200mm Details. Rein ins Leben, ran an den Mensch/Suijet. Dazu ist es klein, leicht und als Reise-/Reportageobjektiv auch unheimlich gutmütig (über 1h im manuellen Fokus bei einer Städtetour – und trotzdem „scharfe“ Bilder!).
    Aber es gehört neben Mut auch ein wenig mehr Erfahrung bei der Bildkomposition dazu. Menschen können bei 30-35mm schon sehr seltsam aussehen…
    Ich wollte nicht mehr ohne 20mm (am Crop). Und für eine VF-Kamera habe ich ein 28er im Schrank liegen. Man kann ja nie wissen wann es soweit ist.

  5. Wunderbarer Beitrag! Ich erinnere mich noch gut an die Zeit <1990, als ich an allen meinen Praktica-Kameras ein superscharfes Carl Zeiss (Jena!) Flektogon 2.4/35mm hatte. Dieses Feeling lebte dann in einer CONTAX T2 mit einem CZ Sonnar 2.8/38mm fort – und heute ist es eine X100S mit 2.0/23mm. Es gibt halt Sachen, die sind optimal 😉

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