[One camera and one lens…] …a day

Vor einigen Tagen bin ich über einen Artikel von Eric Kim gestolpert, der sich einmal mehr mit dem Nimbus befasst, der eine Reduktion der (technischen) Mittel umgibt. Auch Kim stimmt in das Loblied ein, sich über Monate und Jahre auf eine Kamera und ein Objektiv zu konzentrieren. In aller Kürze verspricht diese Selbstbeschränkung demnach den Abschied vom ‚Gear Acquisition Syndrome‚ also von der Erwartung, dass einen neue Ausrüstung in der Fotografie voranbringt. Ausserdem soll sich über die Beschränkung auf ein ‚Instrument‘ eine größere Virtuosität einstellen und das soll letztlich der Kreativität helfen. Und da wird mir das Ganze verdächtig.

one camera and one lens a day-1

Man kann jetzt den gesamten Gedanken auseinandernehmen und in Frage stellen. Für mich ist das G.A.S. ein Teil des Hobbies. Nicht der wichtigste. Aber auch dieses ‚Jagen und Sammeln‘ gehört für mich irgendwie dazu. Und ob es nun virtuoser ist, nur ein Klavier oder doch alle Register einer Orgel zu spielen, ist eine rein akademische Frage. Offensichtlich gibt es beides. Bleibt die Kreativität. Kim formuliert (nicht als erster) die These, dass Sie mehr gefördert und gefordert würde, wenn man eben nur eine Kamera und ein Objektiv verwende. Jahrelang.

Man kann sich auf den Gedanken einlassen und sehen, ob und wie er zur eigenen Arbeit passt. Ich bin ein relativ pragmatischer Mensch. Wie oft habe ich schon meinen Fotorucksack gepackt und mich an gefühlten 5 bis 10 Kilo Glas und Metall abgeschleppt? Und wie oft habe ich abends festgestellt, dass immer noch die selbe Optik auf der Kamera war, wie am Morgen? Oft. Aber immerhin: In letzter Zeit immer seltener. Warum? Weil ich meistens nichts mehr mitnehme außer einer Kamera und einem Objektiv. Na ja, fast nichts. Oft habe ich ‚für alle Fälle‘ noch das wasserdichte Kitobjektiv dabei. Oder die Blitze. Und mindestens einen zusätzlichen Akku. Aber das war’s in aller Regel.

Also eine Kamera und ein Objektiv. Aber jeden Tag ein anderes. Warum?

1. Ballast

Das ist offensichtlich. Nur eine Kamera und ein Objektiv herumzutragen befreit von Ballast. Oft habe ich gar keinen Rucksack dabei. Die Kamera hängt am Sunsniper und das war’s. Wenn doch ein Rucksack mitkommt, dann ist er leicht oder enthält zwei Drittel ‚Sonstiges‘. Vom Wickelzeug bis zum Taschenmesser. Vom Schirm bis zum Vesper.

Und auch im übertragen Sinne: Kein Wechselobjektiv dabei zu haben erspart einem das Wechseln des Objektivs.  Es erspart einem sogar das Nachdenken darüber, ob es jetzt toll wäre, das andere Glas drauf zu schrauben. Und das ist fast noch befreiender als das Mindergewicht.

2. Das Bild im Kopf

Wenn ich fotografieren gehe, überlege ich mir zu Hause, was ich tun möchte. Ich überlege mir, welche Brennweite dafür passt. Ob ich perspektivisch raffen oder dramatisieren will, ob ich gestalterische Unschärfe brauche oder maximale Tiefenschärfe, ob eine große Kamera OK ist oder ob sie in einer Jacken- oder Hosentasche verschwinden soll, ob es ein Makro braucht oder einen Blitz oder zwei oder all das. Dafür wird die Kamera dann ausgesucht und ausgestattet.

Um das zu entscheiden brauche ich ein Bild im Kopf. Das Bild steht also am Anfang, das Werkzeug wird dafür ausgesucht. Und erst wenn ich unterwegs bin, kehrt sich diese Beziehung um und das Werkzeug hilft dann durch ‚Fördern und Fordern‘, genau dieses Bild auch zu finden und zu machen. Wenn man dagegen Monate und Jahre buchstäblich nur bei einer Kamera und einem Objektiv bleibt, ist es meiner Meinung nach kurioserweise umgekehrt. Man macht nur noch Bilder, die man mit diesem Werkzeug eben machen kann. Das Bild im Kopf steht nicht mehr am Anfang. Das empfinde ich nicht als Gewinn.

3. Charakterköpfe

Kameras und Objektive sind Charakterköpfe. Sie bringen etwas in die Bilder mit ein. Wenn man sich darauf einlässt, kann das auch eine Inspiriationsquelle sein. Als Architekt behindern Rahmenbedingungen die Kreativität nicht, sie fördern sie. Nichts ist schlimmer als ohne Randbedingungen ‚auf der Grünen Wiese‘ eine Kopfgeburt hinlegen zu müssen. Selbst dann sucht man die Rahmenbedingungen förmlich. Die Antworten stecken immer in den Fragen. Je ungenauer die Frage, desto beliebiger wird die Antwort. Das sehe ich in der Fotografie genauso und das ist auch eine zentrale Idee hinter dem Gedanken ‚one camera and one lens‚. Ich sehe den Effekt aber eher gestärkt, wenn man hinzufügt: ‚one camera and one lens a day‚. Man bleibt dann auf der Suche.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein sehr wahrer Beitrag. Für mich dabei am wichtigsten sind die Charakterköpfe. Das liegt wohl daran, dass ich im Voraus eben oft noch kein Bild im Kopf habe. Mit einer unvorhergesehenen Randbedingung behaftet komme ich dann u.U. zu ganz anderen Bildern als ich geplant hätte.

  2. ..ist mir ’n büschen zu esoterisch. Keine Lust mehr auf den Kreativitäts-Zwang. Und, nebenbei bemerkt, entweder ist man Kreativ oder nicht, die Anzahl der Objektive ist dabei doch völlig egal. Ich bin es nicht, deshalb knips ich Landschaft, geht auch ^^

  3. Hach. Das ist ein Pro und Con. Hm…
    Also eigentlich ja – aber dann doch nein. Ach irgendwie…
    Auf der einen Seite habe ich im Wesentlichen nur noch 2 Linsen in der Tasche. Das 20mm und das 85mm. (Und dabei hätte ich noch viel lieber ein 14mm für meine Crop).
    Mein bisheriges 28-75-Immerdrauf staubt ein. Ich habe inzwischen den Blickwinkel des 20er „im Gefühl“ und die Reduktion hilft mir mich auf das Bild zu konzentrieren. Und was nicht geht, geht anders.

    Und dann nehme ich sehr gerne das 18-105er auf normale „Familienausflüge“ mit.

    Man(n) ist halt nicht immer nur der Kreativling sondern manchmal einfach nur Papa…

  4. @Oliver: Absolut 😉 Wobei ich gerade bei Ausflügen mit den Kindern meist eine Festbrennweite verwende. Aber heute war ich beispielsweise in Österreich und der Schweiz auf Architekturexkursion. Die Fotos dort habe ich mit dem 18-55 gemacht. Weil ich nicht wusste, was mich erwartet und weil die Bilder nicht in erster Linie als (schöne) Bilder gedacht sind (sondern als ‚Notizen‘, ‚Gedächtnisstützen‘). Aber auch da gilt: Es war nur das 18-55. Sonst hatte ich nichts dabei. Aus dem genannten Grund.

    @Conrad: Du nennst es nicht Kreativität (aber ich, wenn ich Deine Bilder ansehe). Aber ich bin neugierig: Gehst Du mit mehreren Objektiven los oder nur mit 1 – 2, wenn Du Deine grandiosen Landschaften einsammelst?

  5. Ich habe derzeit nur drei Objektive, da muss ich auch nicht lange überlegen. Für Landschaft immer das 17-35er Tamron und noch irgend eine Spaßlinse dabei, fertig. Ich überlege da auch nicht mehr lange sondern packe einfach das ein worauf ich gerade Lust habe. 🙂

  6. Pingback: [angedockt] Ein Doppeltest | Stefan Senf – Motivprogramm

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.