[been to] Torino bianco e nero

Eine Genussreise. Eine Quälerei. 4 Tage schwarz und weiß.

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Turin und das Piemont. Reiseziele etwas abseits der ausgetretenen Pfade. Ich war eingeladen in eine Stadt voller Arkaden, die hier kaum jemand wirklich kennt. Zu einigem gutem Essen und in das alte Fiatwerk Lingotto, das in den 90ern von Renzo Piano mit neuem Leben gefüllt worden war. Leider legte sich für mich schon nach wenigen Stunden, nach dem Flug und gerade mitten im ersten Museumsbesuch eine Schwärze über die vier Tage: Hexenschuss.

Wer das schon mal hatte, der weiss: es ist eine Quälerei. Man mag nichts mehr an sich haben: keine Jacke, nichts in der Hand, kein Rucksack. Man wird hart und steif und selbst kaum sichtbare Bewegungen können lähmende Schmerzen verursachen. Undenkbar, selbst die kleine NX noch rumzuschleppen. Man schleppt plötzlich an sich selbst genug.

Wie sieht so ein Trip in Bildern aus? Die ersten farbigen Bildern zeigen das, was ich vor hatte. Eine Reisereportage, wie schon im letzten Jahr aus Graz.

Und nun: Ich hab seit einigen Tagen ‚Hueless‚ auf dem iPhone, die einzig wahre Schwarzweißfotoapp, die ich bisher gefunden habe: statt sinnlose Retrofilter, Rahmen und Tönungen auf die Bilder zu klatschen erlaubt sie eine freie Formatwahl, frei einstellbare Farbfilter (im Sinne der Filter, die man bei der Schwarzweissfotografie vor die Linse schraubt) und die Ausgabe von jpgs mit minimaler Kompression. Mein Entschluss war schnell gefasst: Meine Bilder dieser Reise müssen zu meiner veränderten Wahrnehmung dieser Reise passen. Sie können nur aus der Hüfte entstehen, sie können nicht mehr gerade sein, nur Quadrate, nur subjektiv. Und schwarzweiß, so wie meine Tage es auch waren. Mehr ging auch nicht:

Ich bin ein bisschen gespannt, wie das auf Euch wirkt. Alle Bilder mit Orangefilter, etwa 75%, der die Gesichter hell und die Himmel dunkel macht. Das iPhone hat übrigens etwa 35mm Brennweite. Life is thirtyfive.

[Von Lücken, Löchern und anderen Mythen] Dallmayr ohne Kaffee

Gestern habe ich zwei Artikeln von zwei Leuten gelesen, deren Blogs ich verfolge. Von Conny Hilker und von Martin Gommel. Und zu beiden Artikeln gab es viel Feedback. Conny schreibt darüber, dass sie ihr ‚Jahresprojekt‘ fallen lässt (in ihrem Fall hätten es 52 x 7 Bilder werden sollen). Und Martin schrieb ein Statement dazu, sich mit seinen Bilder selbst genug zu sein. Einen Artikel über (seinen) Umgang mit Öffentlichkeit und Reaktionen in ’sozialen Medien‘. Nicht umittelbar zwei zusammengehörige Artikel aber letztlich kreisen beide – und vor allem viele Kommentare – um die ‚Kreativität‘ und den Umgang damit. Bei Martin speziell auch um das Thema ‚Disziplin‘. Ich will gar nicht direkt auf die beiden Artikel eingehen. Sie haben mich einfach positiv angeregt, diesen kleinen Exkurs zu versuchen:

‚Kreativität‘ ist ein Mythos.

Für (Berufs-) Fotografen setze ich ähnliches voraus wie für Architekten: ‚Kreativität‘ ist kein Schmetterling sondern eine Kuh. Sie kriegt regelmäßig Futter und wird gepfegt aber sie muss auch jeden Tag Milch geben. Sonst kann man den kreativen Berufszweig an den Nagel hängen und sich eine andere Nische im Berufsbild suchen. Nur rumflattern und manchmal gut aussehen reicht nicht. Aber wie ist das bei Amateuren?

In vielen der Kommentare (zu beiden Artikeln) wird über Lücken und Löcher geschrieben. Ich selber hatte ja vor zwei Wochen auch einen kleinen Hinweis darauf in einem Bildtext versteckt. Klar, Amateure können sich Löcher erlauben. Viele versuchen sich ‚Leitern‘ zu bauen, indem sie neues Zeug anschaffen (ich hab schon mehrfach erwähnt, dass ich mich dem allgemeinen Heulen und Zähneklappern über das ‚Gear Acquisition Syndrome‚ nicht anschliessen mag. So lange man sich oder seine Familie damit nicht in Schwierigkeiten bringt, ist das als Teil des Hobbies absolut in Ordnung. Andere Hobbies sind teurer). Leider führen die Leitern nicht immer aus dem Loch. Manchmal führen sie nur in ein neues. Andere Leute schaffen es, ihr Zeug einfach in den Schrank zu legen und stattdessen Fahrrad zu fahren (oder so). Wenn sie später zur Fotografie zurückkehren (…wenn…) stellen sie womöglich nach einiger Zeit fest, dass sich nichts verändert hat. Leider auch das Loch nicht.

Vielleicht hilft also der Blick auf die ‚Berufskreativen‘: Gute Entwürfe (gute Bilder) sind immer auch Arbeit. Also geht man eben arbeiten. Just do it. Ich würde behaupten, dass der weitaus größte Teil unserer gestalteten Umwelt und unserer Bilder – unabhängig von der Qualität! – eher durch Arbeit als durch Geistesblitze entstanden ist.

Kreativität hat aber oft den Nimbus des Genialen, man wartet drauf, dass sie einen förmlich anspringt, oder man glaubt, dass sie (anderen) angeboren ist. Ich würde ‚Kreativität‘ mal mit ‚gestalterische Intelligenz‘ übersetzen. Damit kommt man schon recht weit. Jeder hat sie, in unterschiedlichen Ausprägungen. Und wie Intelligenz lässt sich die Kreativität auch schulen. Wenn man sie aber nicht verwendet, rostet sie ein. Arbeiten gehen.

Ein anderer Aspekt ist immer auch die Frage, was ich eigentlich tue und warum. Diese beiden Fragen betreffen aber tatsächlich vorrangig den den freien Künstler (egal, ob er davon leben will oder ob er es als Amateur betreibt). Sein Thema zu finden empfinde ich persönlich als den schwersten Part. Im Beruf habe ich einen Auftrag. Die Lösung liegt immer in der Aufgabe. Man kann sofort anfangen, danach zu forschen. In der freien Fotografie muss ich meinen Auftrag selber finden. Komm, Kreativität, spring mich an!

Macht sie aber nicht (bei mir zumindest). Also auch wieder arbeiten. Fotografieren. Bilder sichten, eigene und fremde, Bücher lesen, aufmerksam mit den eigenen Reaktionen umgehen. Aufmerksam mit den Reaktionen Dritter umgehen, ja, auch mit denen bei flickr und Co. Was ist mir wichtig? Und warum? Welche Bedeutung hat das für mich? Das ist der Grund, warum ich dieses Jahr die 4 x 13 Bilder machen wollte. Vier Serien. Vier Anläufe. Vier mal was fallen lassen und das Werkzeug an einem neuen Punkt ansetzen.

Jedes Bild ein Selbstportrait.

[life is thirtyfive] italienische Augenblicke

Dieses Bild hab ich ‚[life is thirtyfive] Dallmayr ohne Kaffee‘ genannt. Bei flickr hab ich ausserdem dazu geschrieben:

‚Ein italienischer Augenblick. Mitten in Stuttgart. Mit dem Cosina 2.8/24, offen. Ein Selbstportrait. Da kommt alles zusammen: Heimatfilm. Weltreise Stuttgart. Life is thirtyfive. Selbstportrait eben. Und im Bild bin ich auch noch.

Ich mag den Blick des klassischen 35-Millimeter-Objektivs (hier am Cropsensor muss eben ein 24mm-Glas ran). Deswegen ist hier auch nix geschnippelt oder gedreht. Echt jetzt.‘

Den Bildtitel kann man vielleicht gar nicht verstehen, der ist fünf mal um die Ecke gedacht. Es gibt/gab da diese Dallmayr-Werbung, in der München aussieht wie eine beliebige norditalienische Stadt. Da kurvt der Kunde dann mit seiner Vespa rum, damit der Kaffee, den er schließlich kauft ein bisschen mehr nach Aroma aussieht als nach Alltag.

Aber warum ich dieses Bild gemacht habe, das verstehe ich. Und das liegt daran, dass ich mich seit ein paar Jahren ‚zwinge‘ in Serien zu denken und zu fotografieren. Also weg von der Hoffnung auf spontane Kreativitätsanfälle, hin zur Arbeit. Noch mal: just do it. Und so kommen in diesem Bild gleich eine ganze Latte von Themen zusammen, die in dieser ‚Arbeit‘ entstanden sind:

‚Heimatfilm‘, mein Kopfkino über meine Heimat. Eine Foto- und Beitragsserie an der ich jetzt im zweiten Jahr dran bin.

‚Life is thirtyfive‘, vielleicht eine künftige Serie. Mal sehen. Momentan ist es der Verweis auf einen Blogbeitrag, in dem ich den Blickwinkel des ‚alten‘ 35ers abgefeiert habe.

Und ‚Weltreise Stuttgart‘ greift noch weiter zurück. Eine Serie über Fernweh. In jedem Bild – oder zumindest in jeder der kleinen Serien – erkennt man aber, wo man wirklich ist. Hier in Stuttgart. Das war sozusagen der Vorläufer zum Heimatfilm.

Kreativität ist ein Mythos, Löcher sind normal, (s)ein Thema zu finden ist die eigentliche Arbeit. Während dessen einfach (weiter) zu arbeiten ist ein eine gute Idee. Gute Ideen kommen dann von selbst. So etwa.

[Lichtskizzen und Schattenrisse] Mind the gap

[Lichtskizzen und Schattenrisse] Mind the gap-1

NX300 mit Pentax 2.0/55, Doppelbelichtung / Montage.

Eine Lücke. Die Hecke hat eine, damit man die Skulptur dahinter gut sehen kann. Eine Struktur farbiger Metallstelen. Aber was sieht man, wenn man selbst eine Lücke hat?

Ich habe eine. Keine große. Aber sie ist da. Ich hab’s ja auch schon ein paar Mal erwähnt. Die neue Serie ‚Lichtskizzen und Schattenrisse‘ ist sehr OK. Das Feedback passt auch. Aber mir ist sie vielleicht nicht neu genug: Obwohl ich mir eine neue Technik für die Serie überlegt hatte, gleicht nicht nur der Titel meiner 2012er Serie ‚Lichtpfützen und Schattenseen‘. Das Thema reizt mich und die Ergebnisse entsprechen der Planung aber vielleicht habe ich ja auch zu lange dran geplant. Keine Ahnung. Jedenfalls stecke ich in einer ambivalenten Situation: Einerseits habe ich mich an das regelmäßige Fotografieren sehr gewöhnt und geniesse es. Erholung. Jedesmal. Andererseits muss ich mich zur Zeit oft regelrecht aufraffen, loszugehen. Und habe wenig Zeit und Gelegenheit, an anderen Orten zu fotografieren als hier, also gleichzeitig im ‚Heimatfilm‘.

Vielleicht kann man sagen, dass eine Lücke auch hier den Blick auf eine Struktur freilegt: Bei mir ist das inhaltlich ganz offensichtlich die Dokumentation des dieses Ortes. Es hat mich hierher gespült und ich habe hier festgemacht. Heimatfilm. Ich hatte mir vorgenommen, den Kreis weiter zu stecken und trotzdem kreise ich meistens eher eng ums Zentrum.

Fotografisch / fototechnisch stecke ich wohl in einem Wettstreit zwischen bewusster Beobachtung und (meist eher etwas strenger) Bildkomposition auf der einen Seite und dem Interesse am Unbewussten und Beiläufigen auf der anderen. Wir sehen unsere Umwelt nicht mit der Präzision unserer Kameras. Aber diese Kameras sind eben das Instrument unserer Fotos. Ich frage mich manchmal, ob das nicht zu widersprüchlich ist, um es in gemeiname Bilder zu packen.

Und ein Amalgam gibt es auch, um die Lücke zu schließen. Das kennen viele. Neue Technik. Spielzeug. Mir haben verschiedene Umstände in den letzten Wochen gleich einen ganzen Haufen neue Technik beschert, die ich in den nächsten Wochen hier noch zeigen kann. Mind the gap: Sonst werden die Schubladen immer voller. Heute verrät schon mal die Bildunterschrift, dass mir eine NX300 ‚zugelaufen‘ ist. Sehr schönes Ding. Neue Technik ändert natürlich inhaltlich mal gar nichts aber Spaß macht sie halt schon. Und das gebe ich auch gerne zu. 😉

Das Foto oben ist wieder eine digitale Doppelbelichtung. Genauer gesagt die Montage eines total defokussierten Bildes, das die Farben und die Tonwerte bringt mit einem zweiten scharfen Bild, das die Details beisteuert.

[Lichtskizzen und Schattenrisse] Wahlplakat

[Lichtskizzen und Schattenrisse] Wahlplakat-1

Das ist die interessantere Seite!

NX1000, 2.4/16 mm

[Heimatfilm unltd.] Angebunden

[Heimatfilm unltd.] Angebunden-1Samsung NX 1000 mit NX 2.4/16mm

[Lichtskizzen und Schattenrisse] (De)konstruktion

[Heimatfilm unltd.] Dekonstruktion

Leben ist Veränderung. In Stuttgart gibt es davon immer eine Extraportion. Die Innenstadt, die im zweiten Weltkrieg zu fast 70% zerstört wurde, befindet sich seit Jahrzehnten in stetigem Umbau. Derzeit entstehen mit dem ‚Milaneo‘ und dem ‚Geber‘ zwei riesige Einkaufszentren jenseits der beiden äussersten Enden der Königsstraße. Beide werden wohl noch in diesem Jahr ihre Pforten öffnen. Und nun entsteht ein weiteres Loch, diesmal mitten im Herzen der Stadt, einen Steinwurf vom Alten Schloss entfernt. Der Abriss hat begonnen. Heimatfilm ist auch, wenn wieder ein Stück Heimat verloren geht. Eine neue entsteht. Die meiner Kinder.

Eine Randnotiz: Es bleibt dabei, ‚[Heimatfilm unltd.]‘ bleibt ‚mein‘ Thema. Bei ‚[Lichtskizzen und Schattenrisse]‘ verschmilzt dieser Inhalt mit einem Konzept, das offenbar auch noch direkt aus der Serie ‚[Lichtpfützen und Schattenseen]‘ abstammt. Fällt mir nichts mehr ein? Momentan ist beruflich gut was los und das hier ist (m)ein Hobby. Es geht hier also ruhiger zu, das merkt man an der etwas reduzierten Frequenz. Gleichzeitig zwingt mich das, mich auch fotografisch (mehr) mit dem zu befassen, was mich auch wirklich alltäglich betrifft, was mir begegnet und was so ‚vorbeirauscht‘. Und genau da begenen sich die zwei Themen. Also. Jede Zeit hat ihre Bilder. Für mich sind’s nun noch mal diese ‚blurries’*.

*(c) donlunzo16 😉

 

[Heimatfilm unltd.] Abkürzung

100m von meinem früheren Büro und auch heute noch am schnellen Weg zur U-Bahn. Dunkle Ecke. Ich muss zugeben, dass es mir immer noch schwer fällt, in so einem Augenblick die Kamera rauszuholen. Wer auch … Weiterlesen →

[Ein alter Karton Neues] Hin und Zurück

Das ist lustig. Die Knäppa, diese dünne Pappe ohne Monitor, ohne überhaupt irgendwas, die benimmt sich wie eine digitale Lomo. Und niemand begreift, dass das eine Kamera ist, man wird höchstens ein bisschen belächelt, von … Weiterlesen →

[Au Revoir Paris, ici Stuttgart] Warum nur Bilder wichtig sind, die mir wichtig sind

Ein Versuch zum Thema Straßenfotografie. Hat ja sonst noch nie jemand was drüber geschrieben 😉

Meine ‚Weltreise Stuttgart‚ spielt mit einer Interpretation meiner Heimat, mit der Projektion eines diffusen Fernwehs und natürlich mit dem Aufscheinen der Globalisierung, hier in Stuttgart. ‚Lichtpfützen und Schattenseen‚ sucht nach einem fotografischen Ausdruck für die alltägliche, ungerichtete Wahrnehmung von Stadtraum und Licht. Und ‚Heimatfilm‚ bedient sich der Mittel einer Reportage sowie der Landschafts- und Architekturfotografie um etwas sehr Privates zu fassen: Meine Gegenwart. Den Ort der Kindheit meiner Kinder. Heimat eben. Alle Serien haben viel mit mir selbst zu tun, sind formal in meinem Hintergrund als Architekt verankert und erzählen nicht nur die Geschichten des Abgebildeten sondern auch die des Abbildenden…

Ist das ‚Straßenfotografie‘? Nach meiner Rückkehr aus Paris in der letzten Woche habe ich sofort damit begonnen, den Radius meiner Streifzüge im ‚Heimatfilm‘ auf die Innenstadt auszudehnen. Und ich machte einige Bilder, die sich gut in den netzweiten Datenstrom an genretypischen Bildern einsortieren lassen. So gut, dass ich mich frage, wie sehr das noch ich bin. Wie viel oder wenig mir das bedeutet. Ob das ein Weg für mich ist.

Klar, die Aufnahmen kann man so lesen, dass sie zwischen den drei oben genannten Serien zu changieren scheinen. Sie zeigen ein Stuttgart, das auch Paris sein könnte, sie verwischen Bildinhalte zum Eindruck von Bewegung. Und ganz nüchtern dokumentieren Sie das hier und heute. Der altertümliche Schuster. Der Bioladen, der scheinbar nur Orangen verkauft. Reicht das?

Warum fotografieren wir? Klar, das läuft unter ‚Hobby‘. Aber dieser Begriff impliziert einige Sinnfreiheit. Das trifft es nicht. Ein Hobby hat für mich eher den Sinn, Freiheit zu gewähren. Zum Beispiel die Freiheit, jenseits von Notwendigkeiten einem Anliegen zu folgen.

Welchem Anliegen folgt man also damit, anlaßlos städtische Szenen zu fotografieren? Straßenfotografie ist eine zugängliche, interessante Fotografie. Sehe ich mir gerne an! Da schaut (im positiven Fall) jemand aufmerksam hin, sammelt Sehenswertes, Stimmungsvolles, Anekdotisches, Kritisches, Typisches oder Untypisches, Zeitgeistiges oder aus der Zeit Gefallenes. Der Fotograf schaut genauer hin als man es im Alltag tut. Er sucht. Er hält fest, was sonst flüchtig wäre und in der schleichenden Veränderung unserer Welt verschwinden würde. Seit wann schauen zum Beispiel alle Menschen immer in Ihre Smartphones? Wie war das vorher? Wie wird das wirken, wenn man in einigen Jahren zurückblickt? Wenn man selbst der Fotograf ist, spürt man, wie die Kamera als Katalysator für die eigene Wahrnehmung dient, wie man mit jedem Blick und jedem Klick mehr sieht.

Aber wie wichtig ist (mir / Dir) dieser ’sportliche‘ Aspekt, dieses Wahrnehmungstraining? Die Aufnahmen fließen in den Bilderstrom des Netzes, in die dunklen Ecken der Festplatten. Die wenigsten schaffen es auf Papier oder gar an Wände. Das ist OK. Aber welche Bilder oder welche Serien schaffen es, etwas im Betrachter auszulösen? Interesse, Neugier, Ärger, Freude.

[Heimatfilm unltd.] Au revoir Paris, ici Stuttgart-4
[Heimatfilm unltd.] Au revoir Paris, ici Stuttgart-3
[Heimatfilm unltd.] Au revoir Paris, ici Stuttgart-1

Am Dienstag hatte ich Besuch. Oliver Schlecht wurde von einer Bekanntschaft 2.0 zu einem ‚Kontakt‘ im echten Leben und es war ein sehr angenehmes, interessantes Treffen. Oliver behandelte in seinem 2013er Seminar ‚Der Weg zum besseren Bild‘ an der VHS Vaterstetten u.a. das sogenannte 4-Augen-Modell in der Fotografie von Martin Zurmühle. Das Gespräch darüber passte sehr zu meiner etwas provokativ formulierten Idee für diesen Artikel, warum nur Bilder wichtig sind, die mir wichtig sind.

Tatsächlich geniesse ich die Straßenfotografie als einen intelligenten Zeitvertreib. Eben wie einen schönen Sport, den man nicht macht, um ein Ziel zu erreichen sondern um sich an diesem Sport zu freuen. Vielleicht greift sogar der Vergleich mit der Meditation. Ein ganz wichtiger Teil dabei ist aber das, was Zurmühle das ‚ich-Auge‘ nennt: Neben formalen Aspekten des Bildes, neben den Geschichten, die es erzählt und neben den Gefühlen die es transportiert oder auslöst kommt es entscheidend darauf an, was der Fotograf (in meinem Fall also ‚ich‘ 😉 ) in das Bild mitbringt. Zu einem guten Bild gehört eine Einstellung. Kritik zum Beispiel. Oder einfach Zuneigung oder Verbundenheit.

Wovon ich wenig halte sind Gleichgültigkeit, Beliebigkeit oder Respektlosigkeit. Hier spürt man auf welchem äusserst schmalen Grad z.B. ein Künstler wie Bruce Gilden unterwegs ist. Seine Bilder bewegen sich tief im Grenzbereich zum Voyeurismus und es ist bestenfalls die Ernsthaftigkeit, Konsistenz und Ausdauer in seiner Arbeit, die mir eine wacklige Brücke bauen, seine Arbeit zu akzeptieren. Bei den zahlreichen Epigonen, die versuchen, es Ihm gleich zu tun, gilt das für mich nicht mehr. Das ist nichts, an dem ich teilnehmen möchte.

Und so ist es: Das Schaufenster des Schuhmachers bringt mich jedes mal dazu, stehen zu bleiben und die Werkzeuge und Materialien zu bewundern. Einen Schuh vor dem Schuhmacher einzufrieren, in aller Bewegung seines Trägers, schien mir da die richtige Antwort. Oder der kleine Konditor, der den großen Backwarenketten trotzt und in dessen Auslage immer so viele Kuchen und Torten stehen. Er steht mit dem regennassen Pflaster, dem Radler und dem Roller für das Viertel in dem ich schon seit zehn, eigentlich sogar seit 18 Jahren arbeite. Ich mag diese Orte. Deshalb fotografiere ich.

[been to] Bildungslücke, oder: wie eine Stadt Lust auf Stadt macht

Paris war eine Bildungslücke von Format. Und Paris motiviert, auch zu Hause wieder die Stadt zu suchen.

Ich war noch niemals in Paris. Als Architekt ist das etwa so, wie als Zahnarzt noch niemals einen Zahn gezogen zu haben. Und für Fotografen – auch für Amateure – ist es ähnlich. Paris ist nicht weit weg. Mit dem TGV erreicht man es von Stuttgart in 3,5 Stunden. Wenn man früh genug bucht, ist es sogar nicht mal sehr teuer. Es war Zeit, diese Lücke zu schließen.

Reisefotografie ist ja eine erfreulich einfache Sache. Auf Reisen sind die Rezeptoren sowieso schon auf Anschlag aktiv, man müsste schon mit verbundenen Augen herumlaufen, um nicht ein Motiv nach dem anderen zu sehen. Trotzdem habe ich in den zwei Tagen nicht viel fotografiert. OK, früher wären 4 Filme an zwei Tagen viel gewesen, heute ist die entsprechende Bilderzahl wenig. Viele Bilder sind am langen Arm entstanden, Erinnerungsfotos mit meiner (wunderbaren!) Frau. Selfies, wie man es neuerdings nennen ‚muss‘. 😉 Im Hintergrund der Eiffelturm zur blauen Stunde oder Notre Dame, solche Sachen. Und dennoch ist die Reise einen Blogartikel wert. Denn so eine kurze Reise kann auch etwas ganz anderes schaffen: Sie kann die Handbremse lösen, den Rost abbürsten oder den Staub wegpusten. Wie man will. Sie macht Lust auf das Fotografieren. Auf das Fotografieren zu Hause. In der Stadt, die man kennt.

Die Wachheit des Reisens auch in der vertrauten Heimat aufleben zu lassen ist nicht immer einfach. Aber wenn man es schafft, dann kann man es für etwas nutzen, das man auf Reisen leider niemals schafft: Man kann dran bleiben. Und man kann Orte bewusst aufsuchen, statt sie nur zufällig zu finden.

Die Stadt hat mir Lust auf mehr Stadt gemacht. Lust darauf immer weiter meinen ‚Heimatfilm unltd.‘ drehen.  Den Radius auszuweiten. An der Achse und dem Mittelpunkt ändert das nichts.