[Von Lücken, Löchern und anderen Mythen] Dallmayr ohne Kaffee

Gestern habe ich zwei Artikeln von zwei Leuten gelesen, deren Blogs ich verfolge. Von Conny Hilker und von Martin Gommel. Und zu beiden Artikeln gab es viel Feedback. Conny schreibt darüber, dass sie ihr ‚Jahresprojekt‘ fallen lässt (in ihrem Fall hätten es 52 x 7 Bilder werden sollen). Und Martin schrieb ein Statement dazu, sich mit seinen Bilder selbst genug zu sein. Einen Artikel über (seinen) Umgang mit Öffentlichkeit und Reaktionen in ’sozialen Medien‘. Nicht umittelbar zwei zusammengehörige Artikel aber letztlich kreisen beide – und vor allem viele Kommentare – um die ‚Kreativität‘ und den Umgang damit. Bei Martin speziell auch um das Thema ‚Disziplin‘. Ich will gar nicht direkt auf die beiden Artikel eingehen. Sie haben mich einfach positiv angeregt, diesen kleinen Exkurs zu versuchen:

‚Kreativität‘ ist ein Mythos.

Für (Berufs-) Fotografen setze ich ähnliches voraus wie für Architekten: ‚Kreativität‘ ist kein Schmetterling sondern eine Kuh. Sie kriegt regelmäßig Futter und wird gepfegt aber sie muss auch jeden Tag Milch geben. Sonst kann man den kreativen Berufszweig an den Nagel hängen und sich eine andere Nische im Berufsbild suchen. Nur rumflattern und manchmal gut aussehen reicht nicht. Aber wie ist das bei Amateuren?

In vielen der Kommentare (zu beiden Artikeln) wird über Lücken und Löcher geschrieben. Ich selber hatte ja vor zwei Wochen auch einen kleinen Hinweis darauf in einem Bildtext versteckt. Klar, Amateure können sich Löcher erlauben. Viele versuchen sich ‚Leitern‘ zu bauen, indem sie neues Zeug anschaffen (ich hab schon mehrfach erwähnt, dass ich mich dem allgemeinen Heulen und Zähneklappern über das ‚Gear Acquisition Syndrome‚ nicht anschliessen mag. So lange man sich oder seine Familie damit nicht in Schwierigkeiten bringt, ist das als Teil des Hobbies absolut in Ordnung. Andere Hobbies sind teurer). Leider führen die Leitern nicht immer aus dem Loch. Manchmal führen sie nur in ein neues. Andere Leute schaffen es, ihr Zeug einfach in den Schrank zu legen und stattdessen Fahrrad zu fahren (oder so). Wenn sie später zur Fotografie zurückkehren (…wenn…) stellen sie womöglich nach einiger Zeit fest, dass sich nichts verändert hat. Leider auch das Loch nicht.

Vielleicht hilft also der Blick auf die ‚Berufskreativen‘: Gute Entwürfe (gute Bilder) sind immer auch Arbeit. Also geht man eben arbeiten. Just do it. Ich würde behaupten, dass der weitaus größte Teil unserer gestalteten Umwelt und unserer Bilder – unabhängig von der Qualität! – eher durch Arbeit als durch Geistesblitze entstanden ist.

Kreativität hat aber oft den Nimbus des Genialen, man wartet drauf, dass sie einen förmlich anspringt, oder man glaubt, dass sie (anderen) angeboren ist. Ich würde ‚Kreativität‘ mal mit ‚gestalterische Intelligenz‘ übersetzen. Damit kommt man schon recht weit. Jeder hat sie, in unterschiedlichen Ausprägungen. Und wie Intelligenz lässt sich die Kreativität auch schulen. Wenn man sie aber nicht verwendet, rostet sie ein. Arbeiten gehen.

Ein anderer Aspekt ist immer auch die Frage, was ich eigentlich tue und warum. Diese beiden Fragen betreffen aber tatsächlich vorrangig den den freien Künstler (egal, ob er davon leben will oder ob er es als Amateur betreibt). Sein Thema zu finden empfinde ich persönlich als den schwersten Part. Im Beruf habe ich einen Auftrag. Die Lösung liegt immer in der Aufgabe. Man kann sofort anfangen, danach zu forschen. In der freien Fotografie muss ich meinen Auftrag selber finden. Komm, Kreativität, spring mich an!

Macht sie aber nicht (bei mir zumindest). Also auch wieder arbeiten. Fotografieren. Bilder sichten, eigene und fremde, Bücher lesen, aufmerksam mit den eigenen Reaktionen umgehen. Aufmerksam mit den Reaktionen Dritter umgehen, ja, auch mit denen bei flickr und Co. Was ist mir wichtig? Und warum? Welche Bedeutung hat das für mich? Das ist der Grund, warum ich dieses Jahr die 4 x 13 Bilder machen wollte. Vier Serien. Vier Anläufe. Vier mal was fallen lassen und das Werkzeug an einem neuen Punkt ansetzen.

Jedes Bild ein Selbstportrait.

[life is thirtyfive] italienische Augenblicke

Dieses Bild hab ich ‚[life is thirtyfive] Dallmayr ohne Kaffee‘ genannt. Bei flickr hab ich ausserdem dazu geschrieben:

‚Ein italienischer Augenblick. Mitten in Stuttgart. Mit dem Cosina 2.8/24, offen. Ein Selbstportrait. Da kommt alles zusammen: Heimatfilm. Weltreise Stuttgart. Life is thirtyfive. Selbstportrait eben. Und im Bild bin ich auch noch.

Ich mag den Blick des klassischen 35-Millimeter-Objektivs (hier am Cropsensor muss eben ein 24mm-Glas ran). Deswegen ist hier auch nix geschnippelt oder gedreht. Echt jetzt.‘

Den Bildtitel kann man vielleicht gar nicht verstehen, der ist fünf mal um die Ecke gedacht. Es gibt/gab da diese Dallmayr-Werbung, in der München aussieht wie eine beliebige norditalienische Stadt. Da kurvt der Kunde dann mit seiner Vespa rum, damit der Kaffee, den er schließlich kauft ein bisschen mehr nach Aroma aussieht als nach Alltag.

Aber warum ich dieses Bild gemacht habe, das verstehe ich. Und das liegt daran, dass ich mich seit ein paar Jahren ‚zwinge‘ in Serien zu denken und zu fotografieren. Also weg von der Hoffnung auf spontane Kreativitätsanfälle, hin zur Arbeit. Noch mal: just do it. Und so kommen in diesem Bild gleich eine ganze Latte von Themen zusammen, die in dieser ‚Arbeit‘ entstanden sind:

‚Heimatfilm‘, mein Kopfkino über meine Heimat. Eine Foto- und Beitragsserie an der ich jetzt im zweiten Jahr dran bin.

‚Life is thirtyfive‘, vielleicht eine künftige Serie. Mal sehen. Momentan ist es der Verweis auf einen Blogbeitrag, in dem ich den Blickwinkel des ‚alten‘ 35ers abgefeiert habe.

Und ‚Weltreise Stuttgart‘ greift noch weiter zurück. Eine Serie über Fernweh. In jedem Bild – oder zumindest in jeder der kleinen Serien – erkennt man aber, wo man wirklich ist. Hier in Stuttgart. Das war sozusagen der Vorläufer zum Heimatfilm.

Kreativität ist ein Mythos, Löcher sind normal, (s)ein Thema zu finden ist die eigentliche Arbeit. Während dessen einfach (weiter) zu arbeiten ist ein eine gute Idee. Gute Ideen kommen dann von selbst. So etwa.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Stefan,

    schöner Beitrag zu einem Thema, was irgendwie in Schüben immer mal wieder die „Fotografen-Blogger-Szene“ erfasst. Ich habe die Beiträge von der Lichtbildwerkerin und von Martin Gommel auch mit großem Interesse gelesen. In ihnen -wie auch in deinem – finden sich genug Anregungen zur Selbstreflexion.

    Du schreibst, dass die Arbeit -also das Finden seines Themas/seiner Themen – der Weg ist, kreativ zu sein (bitte, das ist nur ganz grob zusammengefasst), bzw. auch den Weg zur Kreativität zu finden. Dieser Gedanke gefällt mir: Viele von uns Fotografen laufen ja ständig mit der ganzen „Bild- und Motivpalette“ herum, auf der Suche nach „dem Bild“, ohne eigentlich zu wissen, was unser Thema ist. Beschränkung, Konzentration auf sein Thema wäre der Weg, den viele aber nicht wählen. Auch ein Schriftsteller schreibt normalerweise nicht an 20 Romanen gleichzeitig; er hat ein Thema und schreibt ein Buch. Auch ein Maler konzentriert sich im Wesentlichen auf ein Bild.
    Kreativität ist Arbeit, Motive fallen uns nicht zu, sondern sind die Antwort auf die Frage: Was will ich?
    Danke für diesen Beitrag, er bringt die Gehirnzellen auf Trab.

    Lg,
    Werner

  2. Schöner Text, der auch mich zum nachdenken gebracht hat. Ich kann von mir behaupten, dass ich „mein Thema“ noch nicht gefunden habe und auch gar nicht weiß, ob ich das überhaupt möchte.

    Der Vergleich, den Werner mit Schriftstellern und Malern anstellt, passt für mich eher auf Studiofotografie. Denn hier muss ich vorher eine Ahnung vom Resultat haben, bevor ich überhaupt anfange daran zu arbeiten.

    Aber, wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, kommen die Motive tatsächlich zu mir und ich möchte mir kein gutes entgehen lassen, nur weil es nicht in mein Thema oder in meine Serie passt. Darüber hinaus gibt es so viele faszinierende Bereiche der Fotografie, mit denen ich mich gerne beschäftigen würde und es teilweise auch mache. Und dann reihen sich auf der Speicherkarte Nachtaufnahmen an Portraits, Schwarzweiss-Fotos an Bilder mit knalligen Farben. Ob man das jetzt Vielseitigkeit oder „Kraut & Rüben“ nennen sollte, weiß ich auch nicht. Aber, ganz ehrlich: Ich sehe mich auch keinesfalls als Künstler. Ich bin der Hobbyknipser, der für ein paar Likes alles fotografiert. 🙂

  3. Danke für Eure Kommentare!

    @Werner: ‚Kreativität ist Arbeit‘ würde ich gar nicht sagen. Zumindest bei uns Amateuren kommt das doch arg freudlos daher. Aber ich hab irgendwie ein bis zwei mal zu oft gelesen, jemand ’sei nicht kreativ‘, brauche eine ‚kreative Pause‘ oder sei eben in einem ‚kreativen Loch‘. Daraus spricht für mich immer der Mythos, Kreativität sei was, das einen im Schlaf küsst, im vollen Lauf anspringt oder wie ein gespentisches Geisterwesen in uns schlüpft. Das halte ich für kompletten Humbug.

    @Sebastian: Warum nur in der Studiofotografie? Was mich angeht: In der Studiofotografie zu allerletzt. Aber das ist bestimmt einfach unterschiedlich. Dass Du schriebst, Du hättest Dein Thema noch nicht gefunden, ist edle Tiefstapelei oder der Ausweis einer Unbefangenheit, die Du Dir unbedingt bewahren musst. Lies am besten keine Blogs mehr 😛 . Nee. Bitte weiterlesen! 😉 Pures Gold sind Deine letzten beiden Sätze! Ich mach mir viel zu viel Kopf, glaub ich 🙂 …

  4. Ein sehr erfrischender und anregender Artikel! Toll bebildert! 🙂
    Herzlichen Dank für neue Ideen.
    Dina

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