[Motorola One Zoom] Die Kompaktkamera

Für dreihundert Euro bekommt man heute erstaunliche Fototechnik, neu und mit Garantie. Dreihundert Euro, da reicht das Spektrum von Outdoorkameras mit 20 bis 30 Metern Tauchtiefe über eine hybride Sofortbildkamera und einige klassische Kompaktkameras, Bridges und Superzoomer bis hin zur ausgewachsenen Einsteiger-DSLR mit Objektiv. Gleichzeitig ruft Apple für sein Smartphone mit der laufenden Nummer "11 pro" mindestens den vierfachen Betrag auf und verkauft das Ding trotzdem gut.

Bei mir war ein neues privates Handy fällig. Das alte Huawei war chronisch am Anschlag mit dem Speicher (16 GB), Monitor und  Kameralinse sind zerkratzt und der Glasrücken ist zerbrochen. Es hatte vor bald drei Jahren mal zweihundert oder zweihundertfünzig Euro gekostet; auch sein Nachfolger sollte deshalb unter dreihundert Euro bleiben. Da ich Niederschwelligkeit zu schätzen weiss, war ein ordentliches Kamerasystem entscheidend für mich. Ein Kamerasystem mit einem Teleobjektiv, wenn möglich. Das macht die Auswahl klein, zumal wenn man den "Fehler" begeht, sich ein bisschen über die Sammelleidenschaft mancher Hersteller zu informieren. Ich gebe mich wenig Illusionen hin, nicht ohnehin schon sehr durchsichtig zu sein aber man muss darüber ja nicht jedes Maß verlieren. Xiaomi schied deswegen trotz vielversprechender Tests für mich aus. Es blieb das Motorola One Zoom, das phasenweise unter meinem selbstgewählten Preislimit zu bekommen ist.

Für dreihundert Euro bekommt man auch in diesem Fall erstaunliche Fototechnik. Viele der oben aufgezählten, "echten" Kameras können natürlich vieles besser als dieses Handy. Tauchen kann es zum Beispiel nur einmal (und nie wieder), es hat auch keinen elektronischen Sucher wie manche Kompaktkamera, kein optisches Zoom über rund 80 mm hinaus und natürlich kann die Bildqualität nicht mit dem mithalten, was ein APS-C-Sensor in einer DSLR zustande bringt. Aber es ist ein Smartphone. Die fotobezogenen Eckdaten sind nicht mal so weit von einem iPhone 11 pro entfernt, auch wenn hier sicherlich noch ein relevanter Qualitätsunterschied besteht. Trotzdem: Das Motorola ist immer in der Tasche, es hat ein (verglichen mit Kameras) riesiges Display, es ist mit lichtstarken Objektiven bestückt und bringt alle Optionen mit, gemachte Bilder sofort zu bearbeiten und zu verwenden. Das muss man alles niemandem mehr erklären. Das One Zoom trage ich jetzt seit zwei Wochen mit mir herum und nach rund 600 Bildern erlaube ich mir langsam ein erstes Urteil.

Kurz zur Übersicht: Das Motorola One Zoom verwendet auf der Rückseite 3 Kameras mit etwa f2.2/13 mm, f1.7/27 mm und f2.4/81 mm äquivalenter Brennweite. Die vierte Kamera dient nur dem Portraitmodus und kann nicht gesondert angesprochen werden. Die aufgzeichneten Bilder werden mit 12 MP abgespeichert, ungeachtet der Tatsache, dass die Kameras eigentlich über Auflösungen von 16 MP (UWW), 48 MP (WW) und 8 MP (Tele) verfügen. Alle Kameras lassen auch die Aufzeichnung von Rohdaten zu (Format DNG), da passt dann auch die Auflösung zur Hardware (außer bei der Hauptkamera, die aus den nominell vorhandenen 48 MP auch im RAW per Pixelbinning 12 MP macht). Ansonsten ist das Handy im Wesentlichen groß (Displayformat 6.4 Zoll), hat einen ausdauernden Akku und ein ziemlich unverbasteltes Android, momentan in der Version 9. Wer zur nicht fotografiebezogenen Leistung des Motorolas genaueres wissen will, ist bei mir falsch. 

Alle Aufnahmen meines Beitrags aus Duisburg stammen aus dem Motorola. Sie sind bearbeitet, in den meisten Fällen mit der App Snapseed oder mit dem ebenfalls kostenlosen Photoshop Express. Sie stehen in meinen Augen stellvertretend für die Frage der Suffizienz: Sie sind gut genug, um nicht als minderwertig aufzufallen, selbst wenn sie weit davon entfernt sind, technisch mit Bildern meiner DSLR oder den spiegellosen Systemkameras mitzuhalten. Sie sind gut genug für Monitor, für das Netz und für Print, zumindest wenn ich nicht über ein Buchformat hinausgehen will. Die Bilder, die ich heute zeige sind horizontal ausgerichtet und ansonsten unbearbeitet (oder ich weise gesondert auf die Art der Bearbeitung hin). 

Zuerst hätte ich hier mal 4 Bilder, die mit dem Ultraweitwinkel entstanden sind. Die Schärfe ist hier nicht überwältigend, dafür sehen die Bilder selbst 1:1 noch recht natürlich aus. Das Matschen in (theoretisch) fein detaillierten Bereichen ist unbestreitbar, zum Ausgleich gibt es kaum Schärfungsartefakte. Für mich sind das brauchbare Bilder, trotz des schon recht extremen Bildwinkels.

Dann folgen 4 Bilder aus der Hauptkamera. Über das Zusammenschalten von jeweils 4 Pixeln wird hier eine ordentliche Gesamtfläche pro Pixel angestrebt, was für ein gutes Rauschniveau sorgt. Das ganze in Verbindung mit einer Lichtstärke von 1,7 bildet die Grundlage für eine verlässliche Bildqualität und Schärfe, selbst bei schwächerm Licht.

Und schließlich gibt es noch die 8-Megapixel-Kamera mit Teleobjektiv in Portraitbrennweite. Wie man so etwas überhaupt in das Gehäuse eines Smartphones bekommt, ist mir nicht ganz klar. Die EXIFs weisen eine Brennweite von etwa 7,5 mm aus, das Gehäuse ist aber nur 8,8 mm dick. Viel Luft bleibt da nicht gerade. Die reale Brennweite lässt ausserdem auf einen Cropfaktor über 10 schließen. Da können die Pixel bald jedem Photon einzeln die Hand schütteln. Um so erstaunlicher, was selbst diese Kamera noch zu Stande bringt. Trotz des Hochrechnens auf 12 MP, trotz der Miniaturisierung über jede Schmerzgrenze hinaus, genau diese Einheit macht das Smartphone zur Kompaktkamera. Auch hier wird gematscht, das ist klar. Aber auch hier reicht das Ergebnis für viele Zwecke noch gut aus. 

Das letzte Mittel ist dann zum guten Schluss noch der Weg über das RAW-File. Das Speicherformat DNG macht die RAWs für viele Konverter problemlos lesbar, auch für meine etwas betagte Lightroom-Version. Auch direkt auf dem Handy lassen sich die Rohdaten verarbeiten. Die beiden von mir dafür genutzten Apps sind ebenfalls Snapseed und Photoshop Express. In Lightroom am PC erkennt man schnell, dass die Files aus sehr grenzwertigen Sensoren stammen. Die Farben sind seltsam und sehr fahl, das Rauschniveau ist hoch. Dennoch kann man aus den Daten mit etwas Mühe sehr ansprechende Bilder herausholen. Die Arbeit lohnt sich aber eher nur in Ausnahmefällen. Die folgenden Bilder sind zu hart geschärft, dafür sieht man gut, was an Details da ist. Und wo beim besten Willen nichts mehr zu holen ist.

Das war heute ein "etwas" techniklastiger Artikel, das ist mir klar. Ich hatte aber selbst nur sehr spärliche Informationen in fotografischer Sichtweise gefunden, als ich ein neues Smartphone gesucht habe. Vielleicht hilft der Artikel also dem einen oder anderen weiter. Ob ich das Motorola empfehle? Nun ja, die zum System gehörende Fotoapp hat mir bei Huawei deutlich besser gefallen. Das Motorola ist aber technisch spürbar drei Jahre weiter und ersetzt mit den zusätzlichen 'Objektiven' nun tatsächlich eine Kompaktkamera. So eine, die man noch vor wenigen Jahren als vermeintliche "Immerdabei" immer mal dabei hatte. Aber nie, wenn man sie wirklich brauchte. 

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Wilhelm schrieb am 20.1.2020:
Lieber Stefan,
über das 52 Wochen Projekt bin ich zu deiner Seite gekommen und finde dein fotografisches Wirken sehr bereichernd. Ich lese sehr gern deine Texte.
Ich stand vor einem ähnlichen Problem: Neben der Spiegelreflex (Nikon D7200) wollte ich eine weitere kleinere Version. Da mein Honor5x-Smartphone ebenfalls in die Jahre kommt, liegt die Überlegung natürlich nahe, ein entsprechendes Smartphone zu kaufen. Nach reiflicher Überlegung ist es aber eine gebrauchte Olympus E PL5 mit einem 14-42mm KIT-Objektiv geworden - ich hole das Kompaktgerät erst morgen ab und berichte dann. Entscheidend war allerdings: Ich hatte bisher nie das Gefühl mit einem Smartphone zu fotografieren ... ich werde berichten, wie es ausgeht.
 
Viele Grüße
Wilhelm
Hallo Wilhelm,
ich bin gespannt, was Du berichtest. Die PL5 ist bestimmt klein genug für die Jacken- oder Manteltasche. Ich habe für solche Zwecke noch ein paar (inzwischen ältere) APS-C-Gehäuse von Samsung, die es eine Zeit lang für sehr wenig Geld gab. Mein Fazit nach einigen Jahren mit diesen Gehäusen ist, dass ich sie eben doch nicht 'immer dabei' habe. Das Smartphone schon.
 
Von daher stelle ich mich da der normativen Kraft des Faktischen. Und weiß doch neben der Freude an der sich daraus ergebenden Niederschwelligkeit, was ich im Gegensatz dazu ganz bewusst an meiner DSLR und ihrer Unmittelbarkeit habe. Ich hab ja hier selbst den Nachweis geführt, dass so ein Smartphone Erstaunliches abliefern kann. Und gleichzeitig bleibt eine DSLR mit 'echtem' Glas, mit einer Tasche voll gläserner Charakterköpfe natürlich etwas ganz anderes.
 
Viele Gruße: Stefan