[über Rückblicke] Eskapismus

Dieses Jahr. Es wird in die kollektive Erinnerung eingehen, wie die Anschläge des elften September 2001, da bin ich ziemlich sicher. „Was hast Du getan, als die Pandemie über die Welt zog?“

Das Flüstern der Fische - Coverfoto für das neue Krimi-Hörbuch von Mike Maas (noch nicht veröffentlicht). Es steht stellvertretend für die Eroberung der zu Fuß und mit dem Rad erreichbaren Umgebung. Dass die Wildnis vor der eigenen Haustüre beginnt war mein Kernthema der zweiten Halbjahres. Fotografisch und 'sportiv', sozusagen.

Ein persönliches fotografisches Fazit dieses Jahres fällt (mir) schwer. Ein Fotojournalist bin ich nicht und habe mich auch in dieser außergewöhnlichen Zeit nicht dazu entwickelt. Bilder verwaister Innenstädte, wie sie besonders aus der Zeit der ersten Welle und aus Italien, Frankreich, Spanien oder New York zu uns kamen, habe ich nicht anzubieten. Keine Straßenfotos vorbeihuschender Menschen hinter improvisierten Mund-Nasen-Bedeckungen. Keine Warteschlangen im 1,5-Meter-Takt, mit gesenkten Köpfen und den Blicken starr auf die Smartphones. Keine Paketboten unter der Last immer höherer Paketfluten. Keine demonstrierenden Realitätsverweigerer.

Dabei habe ich viel fotografiert, dieses Jahr. Mehr als ich spontan dachte. Und auch viel erlebt und gesehen, dieses Jahr. Auch mehr als ich dachte. Die Frage der Relevanz von Bildern stellt sich dieses Jahr dennoch mit Wucht.

Wobei: Woraus gewinnen (meine) Bilder sonst Relevanz? Wofür sind sie sonst relevant? Und für wen?

Es ist auch dieses Jahr im Grunde wie immer. In einem Bild kondensiert ein Ort und ein Moment. Es vermittelt vielleicht eine Beobachtung oder erzählt vielleicht eine Geschichte. Es löst Reaktionen bei den Betrachtern aus, die maßgeblich aus deren individuellen Erfahrungen gespeist werden. Das Spektrum reicht je nach Betrachter bei ein und dem selben Bild von völliger Bedeutungslosigkeit bis zum Triggern großer Emotionen.

Auf jeden Fall aber erzählt ein Bild – wenn man sich darauf einlässt – über die Befindlichkeit des Fotografen. Und weil das so ist, ist es relevant für Menschen, die in einer Beziehung zum Fotografen (in diesem Fall: zu mir) stehen. Die Familie, die Freunde oder zugewandte Menschen in den selben Kreisen, auch in der selben Filterblase im Netz. Und natürlich sind sie relevant für den Fotografen selbst. Für mich sind meine Bilder mehr als Ort und Moment. Sie sind kondensierte Erinnerung.

So lange ich mich erinnern kann, hatten wir noch nie ein so monothematisches Jahr wie dieses. In allen Medien. Im geschäftlichen Diskurs und im privaten Gespräch. Persönlich, lokal, weltweit, es gab nur ein Thema. Vor der ersten Welle hatte ich den Versuch unternommen, ein Jahresprojekt zu fotografieren:

Die letzten Bilder dieser Serie (die obersten in der Galerie) spiegelten noch ganz bewusst die Eindrücke der ersten Schutzmaßnahmen, der ersten Kontaktbeschränkungen. Dann kam unsere erste „kleine Flucht“ vor dem neuen Alltag: St. Peter Ording an Pfingsten. Und es kam mein Bruch mit der Serie. Mir ging die Energie dafür aus. Vielleicht hätte sie ein roter Faden sein können, um dieses Jahr zu verarbeiten aber irgendwie war das Jahr wohl stärker als diese Idee.

Die Zeit in St. Peter Ording war zwar überschattet von der Unsicherheit über die Infektionsrisiken, darüber wie es mit Homeschooling und Homeoffice nun weitergeht und wie es im Sommer mit den leidenden Freundschaften weitergehen würde. Doch geprägt war sie nicht von der Sorge sondern vom Eskapismus: Meer. Strand. Weite. Das tat sehr gut.

Und dieser Eskapismus ist also statt einer disziplinierten Serie bei mir geblieben. Ich will gar nicht besonders hart mit mir ins Gericht gehen. Meine Bilder seit Pfingsten dokumentieren die Suche nach Möglichkeiten im „neuen Normal“, nach Freiheitsgraden. Es war früh klar, dass diese Krankheit uns eine Zeit lang begleiten wird. Nicht Monate, eher Jahre und daran hat auch unser heutiges Wissen um die zum Glück kommende Impfung nicht viel geändert. Die Bilder ab Pfingsten schöpfen also aus zwei Quellen: Dem Miteinander in der Familie (mit Ausflügen, Wanderungen, „coronakonformen“ Urlauben) und meinen Alleingängen in die Natur unmittelbar hier in einem zu Fuß oder per Rad erreichbaren Umkreis. Die eher konzeptionelle Arbeit musste seither zurückstehen. Vielleicht war einfach zu viel Konzeptionelles an anderen Fronten zu bewältigen. Vielleicht kehrt sie zurück, wenn das „neue Normal“ wirklich etabliert ist.

Es ist gut 2 Wochen her, da hatte mir Oliver erlaubt, im Voraus einen kleinen Blick auf seinen fotografischen „Jahresrückblick“ zu werfen. Seither haderte ich mir mir, ob ich es ihm gleichtun sollte. Aber es lohnt sich, diesen Blick zurück zu wagen. Ich war überrascht, wie viel in dieses Jahr gepasst hat, trotz des scheinbar alles überlagernden Themas der Pandemie. Und ich war überrascht, zu verstehen wie sich mein Umgang damit verändert hat.

Wie war Euer Jahr 2020? Ich werde die Jahresrückblicke der Foto-Blogger und Instagramer dieses Jahr mit anderen Augen sehen. Bleibt gesund und guter Dinge!

Ich freue mich über Kommentare per E-Mail. Bitte nenne den Artikel im Betreff und einen Namen Deiner Wahl im Kommentar. Mit der Übermittlung einer E-Mail stimmst Du der Speicherung der übermittelten Daten und der Veröffentlichung der Nachricht an dieser Stelle zu. Natürlich werde ich Deine E-Mail-Adresse nicht veröffentlichen.

Dirk schrieb am 2. Januar 2021:

Lieber Stefan,

als Allererstes möchte ich dir und den Menschen um dich herum ein hoffentlich gutes, gelungenes Ankommen in 2021 wünschen!

Und ich danke dir jetzt schon für deine Aufmerksamkeit und Zeit, es ist doch bissel länger geworden...

Mit deinen beiden letzten Blogbeiträgen hast du mir sehr aus dem Herzen gesprochen, und wahrscheinlich mehr "gesagt", als viele der immergleichen Aussagen es vermochten, die kreuz und quer durch die (sozialen) Medien geistern. Es freut mich sehr, wenn ich Menschen begegnen darf, deren Ausrichtungen grundweg optimistisch sind, und die den jeweils aktuellen Umständen das Gute abzuringen in der Lage sind. Gerade eben auch der Sache, Radien enger zu schlagen, und den Horizont erreichbarer zu machen, kann ich viel abgewinnen, und ich weiß, wie es geht, resilient zu sein. 

Dennoch, trotz allen auslösenden Momenten, denen ich eine Initialisierung zuspreche, und sicher auch trotz aller guten Erkenntnisse, die eine Reduzierung ermöglicht, gelingt mir ein gesamt positiver, ein einheitlich friedvoller (Rück-)Blick nach 2020 allerdings total schlecht. 

Es ist ein Unterschied, ob es ein gutes Jahr war, oder ob ich nur das Beste draus gemacht habe. 
Es ist ein Unterschied, ob ich mich z.B. bewußt dem Überfluss verweigere, oder ob ich mich in eine gezwungene Reduzierung schicke.
Es ist ein Unterschied, ob ich einen Handwerksbetrieb desaströs führe, oder ob er per Verfügung "stillgelegt" wird.

Aber selbst alle diese Dinge sind verschwindend bedeutungslos gegenüber dem, was seit 1 Jahr fehlt. Nähe! Es ist eine Zeit der Ich-Bezogenen. Mir tut dieses distanzierte umeinander herumleben wirklich weh. Ja, es stimmt, wer nicht jeden Abend Party macht oder in Kneipen sitzt, als Narzist und Egomane durch´s Leben stapft, der mag vielleicht gar nicht so sehr viel anders machen, oder gegenüber "früher" vermissen. 

Das läßt sich alles ausblenden oder umgehen. Der Lärm der Idioten, der Zauber um die Masken, das politischen Kasperle-Theater, der nicht mehr möglichen Einkauf in echten Läden, das eingeschränkte Reisen.

Was ich aber nicht gut aushalten kann, ist soziale Distanz, Kälte, Berührungsverbot. Und an der Stelle versagen alle Ansätze einer Relativierung im Jahresrückblick ins Plus.

Ich habe in meinem Blog trotz einiger Anläufe keinen Rückblick verschriftlicht. Ich mochte nicht zu sehr deutlich machen, wie subtil schlimm 2020 diesbezüglich wirklich war. 

Darüber spricht und liest man wenig, und vermutlich ist das auch alles erst der Anfang. In mir überwiegt eher die Sorge, denn mit einer Impfung werden die Distanz, die Kälte und Ausgrenzung sicherlich noch mehr wachsen. Klar, auch da werden wieder viele Menschen in Verantwortung das Beste draus machen. 

Wahrscheinlich gehören wir auch dazu. Aber es ist erstmal weder normal, noch schön, noch heilsam, denn die Talsohle, die liegt noch viel weiter unter der von heute.

Uns allen wünsche ich sehr, dass wenigstens die Menschlichkeit nicht völlig auf der Strecke bleibt dabei, und endlich wieder spürbar wird, wie sehr wir einander brauchen.

Machen wir das Beste draus... ;-)

Herzliche Grüße, Dirk 

 

Stefan schrieb am 6. Januar 2021:

Lieber Dirk, herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Beitrag.

Ich habe mich sehr gefreut (bin aber wie üblich ein bisschen langsam bei der Beantwortung und Veröffentlichung ;-). Du hast natürlich vollkommen recht damit, dass man nicht den Blick darauf verlieren darf, dass das Jahr 2020 für viele Menschen mit Leid verbunden bleibt. Leid um verlorene Perspektiven, verlorene Jobs, verlorene Zwischenmenschlichkeit, verlorene Gesundheit oder gar verlorene geliebte Menschen. Und dass das Positive, das man diesem Jahr abringt, immer auch diese Kehrseite bei sich trägt.

In dieser Situation einen Jahresrückblick zu wagen, der sich trotzdem auf den Eskapismus stützt, kann man 'bequem' nennen. Das tust Du nicht, dafür danke ich gleich noch mal. Wir haben das Glück, das uns das Jahr ganz gut gelungen ist. Wir sind gesund geblieben, unsere Jobs funktionieren, im zweiten Halbjahr hatten die Kinder eine fast normale Schulzeit, wir waren zwei mal im Urlaub, wir hatten einfach Glück und das weiß ich auch.

Aber die Belastung 'drückt'. Und der Verlust an Miteinander drückt, trotz aller Versuche, die fehlende Nähe mit anderen Mitteln nachzubilden. Es wird vermutlich noch ein bisschen schlechter, bevor es besser wird. Aber ich hoffe, wir werden uns lange merken, was uns in dieser Zeit am meisten gefehlt hat. Und das war nicht das Einkaufen. Oder das Reisen. Das Selbstverständlichste hat gefehlt.

Viele Grüße: Steff