(L) Instagram

Woche 5

‚L‘, das steht für 50. Auf meiner Geburtstagsfeier wurde ich darüber informiert, mit 50 sei ich nun kein gealterter Jugendlicher mehr. Stattdessen sei ich ein jugendlicher Alter. Schönen Dank auch. Aber OK, dann bin ich also wieder jugendlich (man muss schließlich viel mehr auf Adjektive achten als auf Substantive ;-) . Das hat mich dazu verleitet, (mal wieder) einen Anlauf auf Instagram zu nehmen.

Mir ist bewusst, dass es albern wäre, darüber eine Art Rezension zu schreiben. Ich bin spät dran, mit Instagram. Stattdessen schreibe ich über mich. Wie ich Instagram wahrnehme und was Instagram mit meinen Fotos macht. Für Instagram fotografiere ich anders und bearbeite anders. Alles fängt damit an, was ich überhaupt fotografieren möchte. Hier hilft mir die Plattform in eine Leichtigkeit, die mir mit der großen Kamera manchmal fehlt. Denn Instagram und das Smartphone gehören offensichtlich zusammen, selbst wenn es auch eine App für den PC gibt. Und das führt zu alltäglicheren Motiven. Beiläufig, spontan, Motive, die mir sonst häufig entgehen. Aber auch in Stil und Technik führt Instagram zu ein paar wichtigen Verschiebungen:

1. Ich fotografiere sonst gerne in Serien, Instagram aber lebt vom einzelnen Bild. In der App sieht man jedes Bild seiner Kontakte zunächst nur genau einmal. Beim nächsten Login ist es schon hinter einem zusätzlichen Klick verborgen. Bei diesem einen Mal muss es zünden. Im Vorüberscrollen. Als Einzelstück, nicht als Serie.

2. Ich liebe Details in meinen Bildern. Schärfe, Auflösung und Struktur. In der Instagramm-App kann man nicht wirklich zoomen. Stattdessen rollt Bild um Bild vorbei. Jedes bleibt eine Briefmarke in der Handfläche, seine Wirkung muss es auch in dieser Größe entfalten. Details und Auflösung spielen keine Rolle. Ein Tribut. Und gleichzeitig eine Befreiung von vielen technischen Belangen.

3. Meine Bilder brauchen meistens Zeit. Sie bleiben auf der Karte, wandern dann via Lightroom auf meinen Server. Bei Gelegenheit wird die Spreu vom Weizen getrennt, danach werden die besten Aufnahmen entwickelt und zum Schluss entweder gedruckt oder irgendwo veröffentlicht. Instagram ist schnell. Ich mache ein Bild, bearbeite es (nicht in Instagram, ich bevorzuge Snapseed) und lade es sofort hoch. In der Regel stehe ich in diesem Augenblick immer noch vor meinem Motiv oder bin zumindest noch nicht weit gekommen.

Das alles führt bei mir momentan dazu, dass meine Instagrambilder eine andere Ästhetik pflegen, als meine sonstige Fotografie. Sie werden manchmal mit HDR-Tools gepusht oder hart geschärft und anschließend doch oft wieder mit einem diffusen Glühen überzogen. Damit sie auf einen Blick funktionieren. Auf den ersten. Weil es einen zweiten Blick nur selten gibt. Fotos, die ich nicht speziell für Instagram gemacht habe, ‚funktionieren‘ dort nach meiner bisherigen (geringen) Erfahrung weniger gut, obwohl sie mir (häufig) mehr bedeuten. Instagram erhebt damit zum Prinzip, was in Wirklichkeit auch in anderen Medien gelebte Praxis ist: Bilder haben meist nur Sekunden um zu wirken. Ist das nicht hier auf (m)einem Blog anders? Kann ich nicht hier komplette Serien zeigen? Ja, klar, das ist so. Und gleichzeitig ist mir klar , dass auch die Serie in Sekunden wirken muss. Im Zweifelsfalle muss sie gemeinsam mit der Überschrift das Kunststück schaffen, vorübersurfende Gäste zu einem kurzen Aufenthalt anzuregen. Zum Lesen. Vielleicht sogar zum Wiederkommen. Irgendwann.

Aber ja, das Narrativ, das dem Medium ‚Instagram‘ zueigen ist, hat eben auch seinen Charme. Selbst wenn man sich selbst aus den Bildern heraushält, erzählen sie eine fortlaufende Geschichte. Das tun Bilder meiner Meinung nach ja immer, bei Instagram aber ist es offensichtlicher, denke ich. Der Fotograf wird Protagonist seiner Bilder. Ob er drauf ist oder nicht. Deswegen hat Instagram nach meiner Wahrnehmung in vielen Bereichen längst Facebook beerbt. Nun stelle ich mich also der Frage, was ich mit dieser Erkenntnis anfange.

Ist Instagram geeignet als Schaufenster auf meinen Blog? So war ich mal ‚gepolt‘. Das war es, was ich wollte. Alles was ich oben geschrieben habe, widerspricht diesem Gedanken. Keine Serien, Keine Details, keine Zeit. Gerade der letzte Punkt ist ein Thema. So lange Instagram ‚ad hoc‘ funktioniert, kann es schwerlich als Verweis auf eine ‚Langversion‘ im Blog dienen. Denn die gibt es zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht. Das bedeutet, ich habe drei Optionen: Instagram als etwas ganz eigenes betrachten und behahandeln, meine Art zu fotografieren zu hinterfragen oder meine Art Instagram zu nutzen verändern!

Jahrelang habe ich meinen Instagramaccount kaum genutzt. Ohne mir das geschilderte Dilemma wirklich klar zu machen, wurde ich mit dem Format einfach nicht warm. Nun habe ich mich stattdessen etwas mehr darauf eingelassen, Instagram als etwas eigenes anzusehen. Eigene Bilder für Instagram, die zwar mit mir aber nicht unbedingt mit meiner Fotografie zu tun haben. Ich bin mir nicht abschließend sicher, ob ich das wirklich ‚brauche‘ oder oder ob es eher Energie von dem abzieht, was mir wichtiger ist. Andererseits eröffnen mir diese Bilder auch einiges an Leichtigkeit und Freiheitsgrade, die ich so in der Vergangenheit nicht genutzt habe. Und sie wachsen gewissermaßen auch zu einer Serie heran, irgendwie. Oder nicht?

Mein Instagram-ich findet man unter https://www.instagram.com/le_spationaute/

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich freue mich zusätzlich zu deinen klugen, überlegten, tiefgründigen Artikeln und Bildern nun auch die leichten, übertriebenen, spontanen Momente deines Lebens sehen zu dürfen. Keep on!

  2. Ja Instagram. Die Plattform für alle, die irgendwie hipp sind oder es sein wollen; die ein glamouröses Selbstbild zeigen und in der Tristesse leben…
    Du siehst: Instagram und ich sind auch keine wirklich „guten Freunde“. Es ist nicht wirklich eine Plattform für Fotos. Es ist eine Plattform für Lifestyle (und Werbung).

    Erstaunlich die Ähnlichkeit: Auch ich nutze die Plattform beinahe ausschließlich für meine Handy-Bilder, die ich vorher mit Snapseed aufpimpe: Viel Kontrast, viel Ambiente. – SChnappschüsse, schnell mal eben auch gerne direkt von unterwegs eingestellt.

    So ganz teile ich deine Meinung was Serien angeht, nicht: Man kann auch Serien machen (und tatsächlich machen das auch eine ganze Reihe von Leuten) Ob das aber Sinn macht, sei dahingestellt, Man muss sich dann als Betrachter die Mühe machen, nicht nur den Feed eines Fotografen zu betrachten, sondern seine Übersicht. Da erkennt man Serien.
    Letztlich passt Instagram in die Zeit: Schnell, husch, husch. Und wen interessiert schon die Meldung von gestern? Und Tiefgang ist auch nicht mehr so angesagt.
    Trotzdem lebe ich mit diesem Zwiespalt zwischen Anspruch und Oberflächlichkeit ganz gut und nutze die Plattform für das, was sie hergibt.

    Hab eine gute Woche (danke für diesen wieder einmal sehr gelungenen Artikel, lieber Stefan)
    Werner

  3. Moin Stefan,

    Instagram und ich sind auch nicht so dicke, aber das macht mir keine Bauchschmerzen, irgendwann wird was anderes kommen, vielleicht eher meins.

    Ein Satz, den ich aber anzweifeln würde: „Eigene Bilder für Instagram, die zwar mit mir aber nicht unbedingt mit meiner Fotografie zu tun haben.“ Deine Fotografie hat immer mit dir zu tun, also auch deine Bilder für Instagram oder? Ich nehme es bei dir sogar als Auseinandersetzung mit deiner Fotografie wahr.

    Liebe Grüße, Conny

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