[L] Woche 1

Seit einer Woche bin ich wieder mal ein Jahr älter. Nichts besonderes, man fühlt sich am nächsten Morgen nicht anders als am Abend davor. Aber die Zahl! Symbolträchtig. Und so beginne ich dieses Jahr mit einem Rückblick. Weit zurück und ohne Bilder. Nein, ohne Fotos.

Als mein Vater 50 wurde, war ich 18 und er war alt. Heute bin ich der Vater und hab meinen Kindern scherzend angekündigt, auch ich würde jetzt alt. Mein Sohn nahm es mit Gelassenheit und offensiver Langeweile: ‚Papaaaaa‘. Meine Tochter ist jünger. Sie verbot mir mit unsicheren Anflügen von echter Sorge das Tragen von beigefarbener Kleidung aller Art. Ich müsse so bleiben, wie ich sei. Ein schöneres Geschenk kann man sich ja kaum wünschen.

Mein Vater also war alt. Aus meiner damaligen Sicht. Er pflegte seine Hobbys, in dieser Zeit war das bei Ihm vorrangig die Angelei. Er angelte so oft sich Gelegenheit bot und war aus unserer Sicht in dieser Zeit vor allem einfach nicht da. Denn geangelt wurde am frühen Morgen und danach verschlief mein Vater die Mittagszeit auf dem Sofa. Nachmittags war dann oft genug Vereinsarbeit angesagt oder er ackerte mit meiner Mutter im Garten und kämpfte im Winter mit einem elektrischen Heizlüfter in der Garage dagegen, dass die selbst erzeugten Kartoffeln von Frost verderben. Mein Vater kaufte in dieser Zeit ein neues Auto, das sich schnell zu meinem neuen Auto mauserte (wie gesagt: ich war 18). Er wechselte einen Job, zum letzten Mal. Gut 10 Jahre später ging er in Rente. 45 Beitragsjahre. Er kleidete sich (vorsichtig ausgedrückt) sehr konservativ, Musik in unserem Haus kam aus dem Fernseher in der nussbaumfurnierten Wohnzimmerschrankwand oder aus einem Transistorradio in der Küche und war volkstümlich. Immerhin noch wirklich traditionell: Zither, Akkordeon, mehrstimmiger Gesang in weitgehend unverständlichem Dialekt. Das sind so Erinnerungen an meinen Vater mit 50.

Natürlich fühle ich mich jünger als er mir im Rückblick erscheint. Meine Kinder sind jünger, mein Musikgeschmack ist jünger, mein Berufsleben ist jünger und meine Hobbys kommen ohne Verein aus. Auch dieses hier: die Fotografie und das Bloggen. Aber natürlich bin ich nicht wirklich jünger und an so einem symbolträchtigen Datum holt einen die Zukunft in Form von Erinnerungen ein. Ja, das geht. Erinnerungen an meinen Vater, der nur wenige Jahre nach seinem Ruhestand mit einem schweren Schlaganfall zumindest den Teil seines Lebens verlor, der mit Erinnerung und mit dem zu tun hatte, was ihn ausmachte. Was ihm Spaß machte. Wenn wir ihn später im Rollstuhl am Wasser entlangschoben und ihm die stehenden Fische unter überhängenden Zweigen zeigten, reagierte er nur mit Traurigkeit.

Erinnerungen sind ein Stichwort, das mich seit langem beschäftigt. Das ‚Liebeslied‘, das ‚Haushaltsbuch‘, das sind Serien, die sich unmittelbar mit Erinnerung befassen. Die erste mit Menschen, die andere mit persönlichen Dingen. Bei ‚Lichtseen und Schattenpfützen‘ bezieht sich das Erinnern auf Räume und Licht, nicht auf Momente und Menschen oder konkrete Gegenstände. Meine größte Serie, ‚Heimatfilm‘ spielt schon im Titel mit Wörtern, die einem auch im Kontext von ‚Erinnerungen‘ einfallen könnten. Tatsächlich schwang bei dieser Serie immer mit, eine Sammlung von Bildern zu schaffen, die den Ort der Kindheit meiner Kinder einfängt. Wenn die sich in 20 Jahren mal fragen, warum sie eigentlich in einem Hochhaus aufgewachsen sind. Und wie das mal war. Bilder formen die Erinnerung in der Zukunft. Diese Last und diese Macht tragen sie in sich.

Ich hab auch mal dargelegt, warum nur Bilder wichtig sind, die mir wichtig sind. Daran hat sich dem Grunde nach nichts geändert. Was sich ändert, sind die eigenen Prioritäten. Die eigene Meinung, was denn nun wichtig sei, was kennzeichnend sei für unsere Zeit, unser Leben, mein Leben, mich. An was möchte ich mich erinnern. An was möchte ich erinnern. Wie möchte ich erinnert werden?

Ich habe mir vorgenommen, daran (wieder) intensiver zu arbeiten. Ich kann und will nun kein großes neues Projekt ausrufen, denn ein eng umgrenztes Konzept habe ich nicht. Vielleicht werde ich dort hin finden, in den letzten Jahren hat mich die Suche nach einem solchen Konzept aber nicht immer vorwärts gebracht. Manchmal hat sie mich auch gelähmt. Aber laut zu denken, hier, das hilft mir immer. Und Feedback zu bekommen natürlich. Vor allem aber hilft es aber auch, zu fotografieren oder zu zeichnen. Kleine Serien, kleine Reisen, kleine Fluchten. Mal als Fingerübung oder Experiment, mal als beständiges Kreisen um meine Themen: Heimat, Liebe, Raum, Erinnerung. Neues und Vertrautes. Allgemeines und Besonderes. Regeln und Ausnahmen. Überblick und Details. Medienwechsel.


2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein berührender Beitrag. Ich finde mich in vielen Dingen wieder, wenn es um die Erinnerungen an meinen Vater geht. Ja, wir sind wohl jünger als unsere Eltern. Was werden mal unsere Kinder sagen? Meine sind nun erwachsen, meine Tochter ist selbst schon Mutter. Was wird sie, oder mein Sohn mal über mich sagen und schreiben? Wie werden ihre Erinnerungen sein? Wie sind die Erinnerungen an ihre Mutter, die viel zu früh gestorben ist?
    Erinnerungen sind sowas wie der Kitt in unserer Gesellschaft und natürlich auch in unseren Familien. Ich sitze hier und da über meinen Blogbeiträgen und frage mich, wie meine Kinder meinen Blog, meine Fotos, meine Worte und Gedanken beurteilen werden.
    Letztendlich ist das was wir tun immer wieder ein Kreisen um die Frage: wer bin ich? Wo komme ich her?
    Deine Beiträge sind mir dabei sehr lieb und wichtig. Sie sind klug und geben „Futter“ –

    Insofern noch einmal an dieser Stelle: ALLES GUTE, STEFAN!
    Bleib in Bewegung.

    Alles Liebe,
    Werner

  2. Als mein Vater 50 wurde, da gab es eine große Party mit Alleinunterhalter (der spielte aber eher Rock’n’Roll als Heimatklänge). Wir leben selbst auch in „unserer Zeit“. Mir ist das die Tage im Urlaub aufgefallen, als es dort primär 80er&90er Hits im Radio gekommen sind und ich ganz ehrlich da sehr gerne zugehört habe. Das ist halt die Zeit in der ich „erwachsen“ wurde.
    Allerdings denke ich schon, dass das 50 von heute das 40 von früher ist.
    „Wir“ sind jünger, jünger in Kopf & Geist. Aber auch körperlich jünger.
    Wir, die Generation die jetzt 50 ist oder wird, sind liberaler, beweglicher, offener. Wir beschäftigen uns mehr mit der Weltpolitik, Kunst und Familie. Wir sind später Eltern geworden, haben in der Jungend und als junge Erwachsene (zum Glück) anderes erleben dürfen. Und für uns ist es kein Beinbruch mal den Staubsauger in die Hand zu nehmen. Die Generation haben sich verändert. Zum Glück!

    Es gibt also keinen Grund „Angst“ vor der 50 zu haben. Genauso wenig wie ich Angst vor der 30 oder 40 hatte. Und ich habe keine Angst vor der Zukunft. Ich glaube dir geht es nicht anders.

    Carpe Noctem! ;-)

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