[angedockt] Ein Doppeltest

Manchmal gehe ich ziemlich weite Wege bis zu einem (zumindest scheinbar) profanen Ergebnis. Ich kann gar nicht so richtig sagen, wie lange ich mich schon mit dem Gedanken an ein neues Teleobjektiv herumschlage. Lange. Ich bin 2008 von einer Bridgekamera aus kommend zur DSLR umgestiegen. Die Bridge (es war die Fuji S6500fd) hatte umgerechnet ein 2.8/300 mm im Gepäck. Lang, lichtstark, scharf, nur einen Dreh vom Weitwinkel entfernt. Damals habe ich das Tele sehr gern verwendet. Mit der ersten Pentax kam das 50-200 mm ins Haus, das also scheinbar den gleichen Bereich abdeckt. Dass es zwei Blenden lichtschwächer ist als die Optik der Bridgekamera machten die Reserven beim Rauschen und der Stabilisator in der K10D ein Stück weit wett. Aber es fristete ein Schattendasein in meiner Fototasche. Mit der optischen Leistung war ich gar nicht unzufrieden, es war tatsächlich eher eine Frage des Wechselns. Ich wechsle nicht oft und gern das Objektiv: One camera and one Lens a day. Und nur mit einem Tele an der Kamera fühlte ich mich oft eingeschränkt.


Kann das Sigma meine alten Vorurteile über flaue Bilder bei Superzooms widerlegen?

So klar diese Analyse jetzt klingt, so unklar war mir lange Zeit die Konsequenz. ‚Richtige‘ (lichtstärkere und/oder längere) Teleobjektive geisterten mir durch den Kopf, tatsächlich in meine Fototasche fanden stattdessen mehrfach Makroobjektive von 90 oder 100 mm, mit denen ich auch tatsächlich viel fotografiert habe. Richtig glücklich war ich aber auch damit nie. Die Brennweite immer noch zu kurz, zu nahe an meinem 1.4/55 und gleichzeitig zu lang, wenn’s plötzlich mal eng wird. Für den Schritt, mich an die verschrienen Reiseobjektive zu wagen habe ich Jahre gebraucht. Jahre, in denen die Entwicklung zum Glück weiterging.

Sigma teilt seine Objektive seit 2013 in die Produktlinien ‚Art‘, ‚Sports‘ und ‚Contemporary‘ ein. Eines der beiden ersten Reisezooms in dieser neuen Struktur ist das 18-300 mm F3.5-6.3 DC Macro Contemporary. Und dafür habe ich mich im Dezember 2016 dann endlich entschieden. Übere eine Rabattaktion bekam ich zum Preis von 415,- EUR gleich noch das Sigma USB-Dock mit dazu, das dem Thema Front- und Backfokus den Schrecken nehmen soll. Das Objektiv und das Dock sind mein Thema in diesem Blogpost.

Keine Angst vor hohen Empfindlichkeiten.

Mit einem Reiseobjektiv ist man immer schnell vierstellig, oft am Anschlag (bei mir: ISO 6400). Zumindest bei trübem Wetter und früher Dämmerung. Aber der fast unhörbare Autofokus schlägt sich gut!. Die Pentax steht auf P und auf P habe ich im Kameramenü die MTF-Kurve gelegt. Interessant ist dabei: die Blendenwerte der MTF-Kurve bewegen sich logischerweise immer etwa gleichmäßig oberhalb der Nenn-Lichtstärke. Nur am Teleende des Sigma 18-300 macht die Blendensteuerung überraschenderweise die Blende wieder ein bisschen weiter auf. Und die Abbildungsleistung bei 300 mm ist tatsächlich eine Stärke des Objektivs.

Eine Klapperschlange in ISO 3200, der Rest mit ISO 6400. Die Nahgrenze liegt auch mit 300 mm nur bei knapp 40 cm. Damit geht noch erheblich mehr, als hier zu sehen ist.

Das 18-300 ist den beiden Kitgläsern von Pentax in fast allen Belangen überlegen. Die Aufnahmen sind in allen Brennweiten etwas weniger weich und kontrastreicher, die Bildränder sind besser und die farbigen Ränder sind weniger breit. Der AF ist (viel) leiser, gefühlt auch schneller, die Telebrennweite (logisch) ist länger und die Handhabung ist trotz des Gewichts ein großer Pluspunkt. Messwerte ermittle ich ja keine. Subjektiv kann ich eifach nur festhalten, dass Schärfe und Auflösung zu meinen Erwartungen passen und das auch an den Rändern. Nachteile gibt es auch: Die beiden Kitobjektive zusammen wiegen immer noch 50 gr weniger als das 18-300, die Lichtstärke der Kits liegt stellenweise etwas höher (1/2 Blende) und das Sigma zeigt in manchen Situationen ein eher hässliches spontanes Vignettieren in den äußersten Ecken. Kann man korrigieren, müsste aber nicht sein, bei so einem Brocken Glas. Und dann ist da eben das Thema der Justierung. Testaufnahmen im Liveview waren anfangs deutlich schärfer als solche mit dem ’normalen‘ Phasen-AF der DSLR. Da kommt das das Dock ins Spiel.

Das Sigma USB-Dock. Ein leicht nervtötendes aber enorm praktisches Ding.

Die Funktionsweise ist vermutlich halbwegs bekannt, oder? Das Dock ist ein mit elektrischen Kontakten ausgestattetes Bajonett mit USB-Anschluss, mit dem man die Firmware der Art, Sports und Contemporary-Objektive flashen kann. Dazu gehört ein PC-Programm (natürlich auch für Mac) mit dem man u.a. eine sehr detaillierte Fokuskorrektur durchführen kann. Beim 18-300 lässt sich beispielsweise in 4 Brennweitenbereichen jeweils für 4 Entfernungsstufen die Feinabstimmung festlegen. 16 Werte. Statt des einen globalen Wertes, den die Kamera selbst justieren könnte.



Freistellung, Auflösung, Weite und Detail

Ich hab also ein paar Stündchen des Weihnachtstages (während mein Braten im Ofen war und die Klöße noch nicht im Wasser) damit zugebracht, Fokuscharts zu fotografieren und mich in kleinen Schritten dem Ziel eines perfekt angepassten Objektivs anzunähern. Dass man dabei gefühlte dutzende Male das Objektiv von der Kamera nehmen muss, gehört zu den nervigen Gesichtspunkten des Konzepts. Ein USB-Stecker direkt am Objektiv hätte einem das erspart aber den könnte man ja nicht separat für 50,- EUR verkaufen.

(Fast) alle Weichheiten des 18-300 im Weitwinkel- und im Nahbereich konnte ich mit dem Sigma USB-Dock aus dem Sigma 18-300 mm F3.5-6.3 DC Macro Contemporary herausprogrammieren und hab jetzt ein überraschend gutes Superzoom an der K-5. Kitglas adieu. Nur bei 18 mm war der Weg etwas weiter. Im Liveview ist das super, mit dem Phasen-AF klappt es nicht verlässlich. Der Nahbereich ist gut, auf die Ferne wird es inkonsistent. Die Ursache dürfte hier sehr eindeutig bei der Kamera zu suchen sein. Die Lichtfarbe beeinflusst die AF-Messung. Ein bekanntes Problem der K-5. Ich werde mit einem Kompromiss leben müssen.

Kleiner Hinweis noch in Sachen Bokeh: Es liegt auf der Hand, dass man ein Superzoom nicht wegen des Bokehs kauft, höchstens ‚trotz‘. Und so kann ich also sagen, dass das Bokeh ‚trotz‘ des schlechten Rufes manchmal gar nicht schlecht aussieht. Bis ich begriffen habe, bei welchen Brennweiten und Entfernungen das Ding die bekannten, wenig schönen Doppellinien produziert und wann das eher weiche tupfige Bild, das man allgemein als schön empfindet, vergeht sicher noch etwas Zeit. Was ich jetzt schon sagen kann, ist dass man bei 300 mm eigentlich über die Unschärfe nicht meckern kann und dass sich sogar ein gewisser ‚Swirl‘ einstellt, der wie ich finde ganz hübsch ist.



Bokeh bei 300 mm. Mit Glück gelingen hübsche randlose Tupfen und ein angenehmer Wirbeleffekt

Die Aufnahmen, die ich in diesem Blogpost zeige, stehen beispielhaft für das, was das Objektiv können soll. Den Familienalltag bestreiten. Ausflüge. Urlaub. Schwarzbrot, sozusagen. Sie sind alle bearbeitet, wie immer. Aber alle nicht sehr:



Lange Rede, kurzer Sinn: Cool.

Mein Fazit ist klar. Das Warten hat sich für mich gelohnt. Das Sigma 18-300 mm Contemporary ist ein beeindruckendes Stück Optik. Auch wenn es im Weitwinkel nicht ganz den Superlativen von Tamron folgt, bedient es doch immer noch den beeindruckenden Brennweitenbereich von umgerechnet 28 bis 450 mm Kleinbild. Dabei liefert es eine Bildqualität ab, die für den angestrebten Zweck weit mehr als ausreichend ist. Auflösung, Schärfe, Farbsäume, Verzeichnung, Randabfall, alles ist beherrscht und beherrschbar. Mein Artikelbild ganz oben ist also eine Gemeinheit.

Gleichzeitig ist das Glas nur deshalb so gut, weil es das USB-Dock gibt. Ohne die Möglichkeit, den Fokus für 16 verschiedene Kombinationen aus Brennweite und Abstand zu kalibrieren, wäre mein Urteil weniger enthusiastisch ausgefallen. Dann hätte ich womöglich auch lauter daran Kritik geübt, dass das Objektiv mit fast 600 gr Gewicht ein kopflastiger Brocken ist, dass Sigma sich bei Pentax ohne Not und ohne Minderpreis den Stabilisator spart und dass der aktuelle Straßenpreis gemessen am Wettbewerbsprodukt vom Erstausstatter (gemeint ist das Pentax 18-270) ziemlich grenzwertig hoch ausfällt.

Verziehen. Ich ringe noch mit mir, ob ich wenigstens mein altes 18-55 behalten soll. Es ist abgedichtet, das Sigma nicht. Das gute 50-200 hat sich aber auf jeden Fall erledigt und wird verkauft.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sigma hat in den letzten Jahren einiges getan, um sich im Markt besser zu platzieren. Die Bezeichnungen sind dabei wohl eher ein Marketing-Gadget. Aber ein durchaus wirksames.
    Ich fotografiere mit meinen Nikons kaum noch mit Zoom Objektiven. EInzig das 70-200mm /2.8) ist mir erhalten geblieben. Alle anderen (angefangen habe ich 2012 mit dem 70-300 /4,5-5,6 auf meiner damaligen D7000) habe ich mittlerweile veräußert und beschränke mich auf Festbrennweiten. Die stehen mir am besten.
    Aber was die Qualität deines Objektivs angeht: Das ist schon was. (Eben nicht mehr mit dem o.g. zu vergleichen) Und ich denke auch, dass es vor allem an dem USB-Dock liegt. Ich möchte es für meine Sigma`s nicht mehr missen. …. Einzig das Abschrauben der Linse ist ätzend…. 🙁 …. – Offensichtlich bin ich nicht der Einzige, den das stört.
    Lg,
    Werner

    PS: Viel Spaß mit diesem Objektiv!

  2. Hallo Stefan, das scheint ja eine nette Linse zu sein. Das Dock musste ich für mein zweites Objektiv dieser Firma leider auch anschaffen und fand die Anwendung nicht so easy und schnell, wie ich vorher las. Ziemlich nervig, aber man macht das ja nicht ständig. Du scheinst doch einigermaßen Spaß an der Technik zu haben :-). Für eine besondere Reise habe ich mir das 80-400mm von Nikon angeschafft und das ist wirklich ziemlich klasse.

  3. Hallo Ihr beiden, danke für Eure Rückmeldungen! Und dann haben doch mehr Leute so ein Dock, als ich gedacht hätte. Scheint ja ein gutes Geschäft für Sigma zu sein ;-). Der Spaß, Conny ist dann da, wenn ich tatsächlich Zeit dafür habe (was nun über Weihnachten zum Glück so war). Wenn’s drängt, hat das Dock großes Potential, einem auch furchtbar auf den Geist zu gehen.

    Was das Objektiv angeht, ja, mir scheint die Entwicklung da tatsächlich einen Schritt gemacht zu haben. Ich hatte allerdings nie einen der Vorgänger und vergleiche letztlich mit Objektivkonstruktionen die in ihren Grundzügen auf die Frühzeit der digitalen SLR-Kameras zurückgehen. Aber am Ende ist das egal. Am Ende zählt (und ich weiß, dass Ihr das nicht anders seht) der Bildinhalt mehr als die Technik. Sie ist ein Vehikel. Ein möglichst hilfreiches, vielleicht inspirierendes, vielleicht auch einfach nur möglichst wenig störendes.

    Das Sigma ist ein neues Werkzeug, das meine ‚Spezialisten‘ ergänzt. Ein Spezialist für’s Unspezielle, vielleicht.

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