[Souvenirs, Souvenirs 3] Sketch and release 

Der Tag, an dem wir uns mit all den anderen Alltagsflüchtlingen für 14 Stunden in den blechernen Fluss und in den Stau nach Kroatien eingereiht hatten, war mein Geburtstag. Meine Frau erfüllte mir den Wunsch nach einem dicken Paket neuer Marker und Skizzierstifte.

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Sich mit Buch und Stiften hinzusetzen braucht Zeit (Man wird mit Übung sicher schneller. Ich bin langsam). Man sieht sich sein Motiv lange an. Atmet die Situation. Schwitzt oder friert. Man fügt Motivteile neu zusammen. Lässt wegfallen, was nur stört. Setzt Prioritäten. Trifft Entscheidungen. Man setzt sich über Dinge hinweg, um den Kern einer Situation zu erfassen. Motive verändern sich ständig während man sie betrachtet. Man muss loslassen können, noch während man zeichnet. Fragmente akzeptieren. Man kann viel über Fotografie lernen, wenn man skizziert.

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Manches lässt sich leichter skizzieren, als es zu fotografieren. Motive mit vielen Störungen wirken gezeichnet ganz selbstverständlich. Langweilige Fotomotive können spannende Motive für eine Zeichnung sein (Umgekehrt gilt natürlich das selbe). Hartes Licht und schwarze Schatten sind plötzlich toll. Der brütende Nachmittag ist eine gute Zeit, um zu zeichnen.

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Ich hatte lange keine Zeichenstifte mehr in der Hand. Als ich noch im Entwurf gearbeitet hatte, waren Skizzen alltäglich. Auch wenn die ‚Motive‘ damals nur imaginäre Flächen und Volumen, Strukturen, Oberflächen und Details einer ungebauten Aufgabe waren (was schon etwas sehr anderes ist, als nach der Natur zu zeichnen): Der Stift, das Papier und die Farbe waren (und sind) für mich das beste Mittel, Lösungen zu finden. Konzepte entstehen beim Zeichnen (und beim Schreiben). Man kreist sie immer enger ein. Die Routine von damals habe ich heute längst verloren. Aber ein bisschen scheint es so zu sein wie beim sprichwörtlichen Fahrradfahren. Irgendwie geht’s dann schon, wenn man es schon mal konnte. Und ich kann nur jeden ermutigen, einfach loszulegen. Es geht gerade nicht um Fotorealismus (Ich muss mich eher noch von Details lösen lernen). Es geht darum, die Situation auszukosten und einzusammeln.

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Das hier also sind die letzten, wieder anderen Blicke auf unseren kleinen Urlaub auf Krk. Keine fischäugigen Panoramen, keine fokussierende Reportage. Acht halbe Stunden auf Papier.

 

(Copic Fineliner und alkoholbasierte Marker – preiswerte Nachahmer des großen Originals – auf speziellem Markerpapier. Die Stifte passen übrigens wunderbar in die Sling- und Hüfttasche von Cosyspeed. Ich nenn das Ding jetzt einfach Penslinger statt Camslinger… 😉 )

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8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. …wow. einfach, aber mit großer Wirkung…
    Als jemand der weder Zeichnen oder Skizzieren kann, beneide ich Dich bei diesen Ergebnissen ;o)

  2. Wie schon geschrieben: Für mich als jemand, der nicht mal unfallfrei ein Auto zeichnen kann, ist das sehr bewundernswert.

  3. Liebe Conny, lieber Sebastian, lieber Andreas, ich danke euch. Ihr seid sehr nett, denn so richtig toll sind die Blätter ja nicht. Sie sind OK genug, um sie zu zeigen aber ich finde man merkt oft, dass das ungeübt und ungelenk daher kommt.

    Ich will das Zeichnen noch ausbauen. Will besser werden. Lockerer. Schneller. Das könnte meine Flucht aus dem Dilemma der Street-Photography in Deutschland werden. Recht am eigenen (Ab-)Bild ade. Und es macht richtig viel Spaß.

    Zu zeichnen ist ganz einfach. Da gibt es wenig ‚richtig‘ und ‚falsch‘. Man muss es nur machen. Sich die Zeit nehmen. Genau hinschauen. Nicht das zeichnen, was man zu kennen glaubt sondern das was man sieht. Wie so oft, geht es mehr um das Machen als um das Können. Man denkt ‚das kann ich nicht‘ und schon hat man sich drum gedrückt, es einfach zu machen.

    Nimm ein billiges Skizzenbuch und einen Kuli. Fang mitten drin an. Farbe kann warten. Einfach anfangen. In der nächsten Mittagspause.

    Mein erstes Blatt seit sehr langer Zeit war der Kerl im Liegestuhl. Man sieht’s. Auch der Felsenstrand stolpert ziemlich. Die letzten Blätter waren Kirche und Restaurant, die Gasse in Krk und mein Sohn auf dem Zeltplatz. Schon die zwei Wochen sieht man, finde ich. Obwohl auch die letzten Blätter noch weit davon entfernt sind, wo ich gern hin möchte. Aber das kommt schon. Wenn ich dran zu bleiben schaffe. Und das wäre bei Euch genauso. Hundert pro. 😉

  4. Es geht nie um Perfektionismus; immer um das Tun an sich. Aber um es zu Tun, braucht es ein Mindestmaß an Talent, die Fähigkeit „loszulassen“ (sonst zerbricht man an den eigenen Ansprüchen hinsichtlich des Könnens), Kreativität, „Sehen können“ und Geduld (mit sich und anderen) Von allem scheinst du ne ordenliche Portion in dir zu tragen.
    Toll, richtig gut. Ich habe es versucht, „scheitere“ aber spätestens an der Geduld und meinen eigenen Ansprüchen. Zeige gerne mehr davon…. und mach bloß weiter. 🙂
    Lg,
    Werner

  5. Sehr erfrischend, mal was anderes in meinem Feed zu sehen 🙂 MIr gefallen die Bilder! Ich versuche mich selbst seit ein paar Monaten am Zeichnen / Malen, jedoch mehr mit Aquarell. Mir fehlt oftmals die Reduktion aufs Wesentliche, was dir hier meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist. Mein Favorit ist das erste Bild, vielleicht wegen den verschiedenen inhaltlichen wie auch farblichen Kontrasten.

  6. Passt wunderbar zum Fotografieren!! Glücklich der, der beides kann – so wie Du!

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