[Über Kreativität] Ein Märchen vom Druck und vom Ventil

Das Hobby Fotografie habe ich mir zugelegt, als ich meine berufliche Aufgabe vom eher entwurflich geprägten Arbeiten mehr zur Realisierung von Gebäuden verlagert habe. Die Kreativität, so hab ich das immer formuliert, hat sich ein neues Ventil gesucht. Aber stimmt das? Ist Kreativität etwas, das in uns kocht und einen glatt zum platzen bringt, wenn es nicht raus kann? Ein schönes Bild ist das ja. Nur ist es leider mindestens unvollständig.

 

Was ist also ‚Kreativität‘? Zunächst mal bedeutet das Wort einfach Schöpferische Kraft. Kreativ ist man, wenn man Ideen hat und diese gestalterisch verwirklicht. Sich das klar zu machen nimmt schon mal etwas Druck aus dem Kessel. Kreativität bedeutet nämlich nicht notwendigerweise, dass das was man macht unbedingt bahnbrechend, atemberaubend und völlig neu sein muss. Einfach nur eine Idee machen. Das klingt realistisch.

Als Architekt – um (m)ein Beispiel außerhalb der Fotografie zu wählen – bewegt man sich in einem engmaschigen Netz von Vorgaben und Zwängen. Ausgehend von den Bedürfnissen und Wünschen des Bauherrn spannt es sich vom Baurecht zu den Kosten, von der Erschließung zur Baukonstruktion und von Materialien bis zu den Terminen (um nur ein paar wenige Stichwörter fallen zu lassen). Die Kreativität des Architekten findet innerhalb dieses Netzes statt. Er kann es nicht ignorieren. Vielleicht kann er es an der einen Stelle etwas dehnen oder an einer anderen ein Stück weiterweben. Nur wenige verlassen es aber ganz. Indem sie Ideen formulieren, ohne den Anspruch sie auch zu bauen. Vordenker und Visionäre. Bei Ihnen findet das Machen aber immer noch statt, wenn schon nicht in Form von gebauter Realität, dann doch in Wort und Zeichnung. Oft gelten sie damit als die kreativsten Köpfe und prägen das, was allgemein unter Kreativität verstanden wird. Ist das eigentlich richtig?

Zunächst mal möchte ich unterstreichen, dass dieses freie, von der Realisierung abgekoppelte Vorwärtsdenken in meinen Augen geradezu unverzichtbar ist. Ohne dieses Prinzip des offenen, hinterfragenden und Zwänge negierenden Forschens würden wir noch in Höhlen leben. Und gleichzeitig ist es nicht weniger kreativ, sich innerhalb des Netzes zu bewegen. Eher im Gegenteil. Im Bereich der Fotografie ist es geradezu unumgänglich:

Eine Idee machen. Wenn man Kreativität auf diesen Nenner bringt, ist es der nächste Schritt, sich das Machen und die Idee näher anzusehen. Zum Machen in der Fotografie gehört alles das, was uns Fotofreunde ja immer ganz besonders umtreibt: die Technik und die Techniken.

Von der Kamera bis zur Bildgestaltung, von Stativ und Blitz bis zur Präsentation oder dem Druck, von der Belichtung bis zur Gewichtung.  Alles von der Beherrschung der Ausrüstung bis zur Beherrschung von Genre, Komposition, Licht und Moment gehört zum Machen. Das ist hier das Netz, in dem wir uns bewegen. Ein solches Netz engt (mich) nicht ein. Letztlich hilft es (mir) eher, eine Idee auszuarbeiten, auf den Punkt zu bringen. Das gilt für die Architektur und die Fotografie. Und da war auch schon das zweite Stichwort: Die Idee.

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Machen ohne Idee ist in meinen Augen eine Art Sport. Ein Krafttraining der Fertigkeiten, der Beherrschung der Technik und der Techniken. Training für die Schöpferische Kraft. Kreativ ist darauf aufbauend dann aber erst die Verbindung des Machens mit einer Idee. Das tückische an der Idee ist, dass sie hier erst nach dem Machen wirklich herzeigbar wird. Ideen zu beschreiben ohne sie zu realisieren gilt in der Fotografie nicht viel. Trotzdem funktioniere ich so, dass ich Ideen gerne mit Worten auf Papier untersuche, umkreise, abgrenze, zuspitze und ausarbeite. Oder sie wegwerfe. Ganz für mich allein. Das lebt aber sicher jeder anders. Die Methode ist egal, wichtig ist es, für sich selbst eine Idee zu entwickeln, welche Bilder man machen will. Bei manchem läuft das spontaner oder intuitiv, ich selbst nähere mich bei  wie gesagt eher ‚theoretisch‘ an. Ältere, mit Leben erfüllte Ideen gehen irgendwann ins Muskelgedächtnis über (Das Beitragsbild ist so ein Beispiel. Die Serie ‚Heimatfilm‘ hat längst tiefe Wurzeln geschlagen und läuft im Autopilot mit, selbst wenn ich nur ein paar Familienfotos schießen will).

Was sind Ideen?  Hier lauern üble Fallstricke. Die Suche nach eigenen Ideen öffnet das ganze Spektrum von Missverständnissen. Eine Idee ist nichts, was man in einem Blogpost oder in einem Buch finden kann (und gleichzeitig sind Blogposts und Bücher gute Auslöser oder Sprungbretter für eigene Ideen). Eine Idee ist nicht nur eine Idee, wenn sie noch niemand hatte (und gleichzeitig sind gute Ideen oft auch neu und unerwartet).

Die gute Nachricht: eine Idee ist besser als keine. Wir reden über Kreativität und da gilt dieser Satz. Auch im Kreativen gibt es blöde um noch blöderere Ideen aber so lange niemand zu Schaden kommt, ist das nicht schlimm. Häufiger als auffallend blöde Ideen sind schwache, mutlose, wenig originelle, nur nachahmende Ideen. Auch die tun nicht weh aber sie helfen der Kreativität nicht weiter. Und bei denen muss man aufpassen,  ob sie überhaupt schon Ideen oder noch Techniken sind. Ich zähle hier bewusst keine Beispiele auf, denn für den einen mag schon eine Idee sein, was für den anderen nur (noch) eine Technik ist. Das ist auch OK so. Verinnerlichte, eingeübte Ideen werden zu Techniken. Das ist das, was ich oben im Wort ‚Muskelgedächtnis‘ ausdrücke.

Ein Rezept für Ideen gibt es nicht. Ich kann nur von mir berichten und damit den Bogen noch mal zur Architektur schlagen: Die Antwort verbirgt sich in der Frage. Eine starke Idee für ein Gebäude steht immer mindestes mit einem Bein auf dem Fundament der Bauaufgabe. Was genau will der Kunde, was braucht er (das muss nicht unbedingt deckungsgleich sein), was bringt der Ort mit, was die Technik und was die Zeit, der Stil der Zeit, der Zeitgeist. Je genauer man fragt, je engmaschiger man das Netz webt, desto leichter findet man zu Konzepten. Und am Ende zu der einen Idee. Klingt nach Arbeit? Genau, das ist es. Es mag geniale Entwerfer (Fotografen) geben, denen die Ideen wie Sterntaler zufallen. Ich bin keiner davon. Und ich bin noch keinem begegnet, glaube ich. Das ist enorm tröstlich, oder? Es ist Arbeit, man kann Ideen erarbeiten. Man muss sie nicht einfach nur haben. Man ist nicht schlechter, wenn Ideen nicht von selber aus einem herausplatzen.

Und da sind wir wieder beim Druck und beim Ventil. Nein, die Kreativität ist nichts, was in uns kocht und uns zum platzen bringt, wenn wir ihr kein Ventil geben. Wir müssen ihr ständig einheizen, damit sie auf Temperatur bleibt. Mit dem Machen und mit Ideen.

Kreativität ist Arbeit. Der Kunde sind wir selbst (zumindest in der freien Fotografie). Fragen wir uns, warum wir (etwas) fotografieren wollen, dann sind wir den ersten Schritt auf eine eigene Idee zugegangen. Jetzt können wir damit weiter machen das spontan ‚gewollte‘ zu hinterfragen und uns dann darum kümmern, was das Sujet mit sich bringt, was die Technik und was die Zeit. Kreativität ist keine Gabe. Sie ist erlernbar und sie muss gepflegt und geübt werden. Und das ist doch besser als wenn sie ein Geschenk wäre, das man hat oder nicht hat. Leider ist es auch eine Ausrede weniger.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Moin Stefan,

    so sehe ich das auch. Vielleicht mit dem Unterschied, dass ich glaube, jeder trägt kreative Fähigkeiten in sich, zumindest alle Kinder, wir verlernen aber im Laufe des Lebens, sie gezielt zu nutzen, sind teilweise geradezu davon überzeugt, null Kreativität in uns zu tragen. Dabei ist es schon ein kreativer Akt, beim Kochen eine Zutat gegen eine andere zu tauschen ;-).
    Dennoch brodelt sie nicht in uns und platzt heraus. Man kann sie abtöten, zu allererst durch die feste Überzeugung, nicht kreativ sein zu können, aber z. B. auch durch starre Routinen im Leben. Man kann sie fördern, herauskitzeln, die Verbindung zu ihr wieder verlieren.
    Dein Artikel beschreibt sehr schön, wie man mit ihr im Kontakt bleiben kann.

    Und ja, was für den einen eine Idee ist, mag für den anderen noch Technik sein. Eine Technik einzusetzen kann auch eine Idee sein. Und überhaupt, wichtig ist, man tut etwas. Nichts tun ist nie kreativ 😉

    LG, Conny

  2. Wunderbarer Artikel, Stefan. – Ich werde ihn noch einige Male lesen müssen (das „Müssen“ ist hier nicht als Zwang zu verstehen), um ihn in all seinen Facetten zu begreifen und auf mein eigenes Tun zu übertragen.
    Kreativität /Ideen/ Anregungen… Was auch immer uns treibt. Alles haben Kinder: Man beobachte sie in ihrem Spiel. Sie lassen sich Raum ihre Ideen zu leben. Manchmal ist es einfach auch eine gute Idee, sich bei den Kleinen was abzuschauen und wieder zum Kind zu werden.
    Danke für diesen Beitrag.
    Lg,
    Werner

  3. Ich bin mir nicht sicher ob ich den Artikel wirklich gänzlich verstanden habe – ich glaube ich bin da zu wenig „Ideen“-getrieben.
    Auch ich habe ein professionelles Korsett in dem ich mich jeden Tag bewege das geprägt ist aus Zahlen, Status, Herausforderungen und Entscheidungen. Jede Herausforderung (in den Siebzigern hätte man noch „Problem“ gesagt) bedingt eine neue kreative Lösung – bei der ich dank fast dreißig Jahren Berufserfahrung oft auf alte Lösungsmuster zurückgreifen kann (oder bewusst das nicht mache) und diese adaptiere. Ist das Kreativ? Ist das eine Idee? Nein.
    Auch muss ich oft „neue Konzepte“ für mein Unternehmen oder den Kunden entwickeln. „Innovationsprojekte“ nennt man dann so was – sollte eigentlich ein kreativer Akt sein. Ich kann es nicht. Zu lange bin ich in Operationalisierungsprojekten gefangen und sehe zuerst alle Hemmnisse und Herausforderungen bevor ich fromm‘ und frei Brainstormen kann und wirklich kreative Ideen ohne Grenze, Wenn und Aber entwickeln kann.
    Und wenn ich so deinen Artikel lese und diese Zeilen schreibe, dann wird mir die Unterschiedlichkeit zwischen und beiden bewusst: Du bist künstlerischer Freigeist – ich bin und bleibe rationaler Operationalisierer. Da helfen auch ein paar schöne Bilder von mir nicht.
    Ich ziehe also (mal wieder) meinen Hut vor dir und deinen Bildern und freue mich trotzdem wie ein Schnitzel über jedes handwerklich mühsam erarbeitete Bild mit einem Kommentar von dir.
    Danke für deine Aufmerksamkeit und Freundschaft.

  4. Pingback: [360°] Ein Buchtipp | Stefan Senf – Motivprogramm

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