[Galaxy NX] Zurück in die Zukunft 

Da gab es mal ein Stück Kamerazukunft, das hatte keiner so recht verstanden. Das hinterließ die Testredaktionen ratlos und lag offenbar in den Regalen wie Blei. Es war radikal und irritierend und weit davon, perfekt zu sein. Und viel zu teuer war es auch. Der Hersteller wandte sich schnell ab und machte mit dem Nachfolger schon wieder etwas ganz anderes. Vielleicht ist diese Kamera sogar mitschuldig am mutmaßlichen Ende aller NX-Kameras. Die Galaxy NX.

Das ehemalige Flaggschiff ist nun meine dritte NX. Ich konnte nicht widerstehen. Ich war auf der Suche nach einem Gehäuse mit dem mir die Verwendung meiner alten manuellen Objektive wieder Spaß macht und was soll ich sagen? Das passt, auch wenn man es kaum glauben mag.

[Samsung NX] Zurueck in die Zukunft-1

Die Galaxy NX war ein Versuch von Samsung, alles anders zu machen. Wenn man sie an ihrem riesigen Griff packt, ist man erst mal verwirrt. Abgesehen von der Objektiventriegelung und dem iFn-Button, den manche Objektive mitbringen, findet man am Gehäuse gerade mal vier Knöpfe und ein Drehrad. Zwei der Knöpfe sind Auslöser (Video und Foto), einer öffnet den Blitz und einer schaltet die Kamera an und aus. Das war’s. Stattdessen wird der Kamerarücken von einem Touchscreen im Format des iPhone 6 beherrscht. Kann das gutgehen? Gerade, wenn man die Kamera am Auge bedienen will? Es kann. Sehr gut, sogar.

Mit einem manuellen Objektiv am Adapter aktiviert die Kamera-App (wenn man das wünscht) automatisch das Focus-Peaking. Scharfstellen ist damit in der Regel kein Problem. Wenn es sehr genau werden muss (oder die Kontraste nix taugen), braucht man kurz den Touchscreen, um sich die 5-fach Lupe einzuschalten (ein Direktzugriff, keine Menüs). Nur mit dem Daumenrad klickt und rollt man aber durch die entscheidenden Aufnahmeparameter: Zeit, Über- und Unterbelichtung , Empfindlichkeit. Die Blende bedient man mechanisch am Objektiv (bei Altglas) ansonsten ist auch das ein Klick auf dem Daumenrad.

Natürlich geht alles auch anders. Die Kamera ist letztlich ein Smartphone mit Griff, Sucher und Bajonett. Sie läuft als App unter einer ganz gewöhnlichen Android-Umgebung. Und in dieser Umgebung kann man alles tun, was man mit einem Smartphone auch tun kann. Natürlich auch alles über den Monitor bedienen. Oder gefühlte 100 Motivprogramme ausprobieren. Oder aus dem ganz großen Pool fischen. Dann ist von Photoshop Express bis Facebook und Instagram, vom Wetter bis zur Navigation alles möglich. Alles, außer Telefonieren: Ich habe vorerst darauf verzichtet, der Kamera eine SIM-Karte zu spendieren, sonst ginge selbst das – zumindest per Whatsapp oder Skype.

Ich halte die meisten dieser Optionen an einer Kamera für entbehrlich und gleichzeitig mögen sie als Erklärung dienen, warum die Kamera-App (wenn man RAW + JPG speichert – mein Standard) selbst auf so grundlegende Dinge wie einen s/w-Modus oder Bildstile verzichtet. Da ist sie plötzlich ganz ‚basic‘, wie eben auch im Bedienkonzept. Und ganz ehrlich: ich habe noch nie ernsthaft Bildstile verwendet, an keiner Kamera. Ich bearbeite meine Bilder immer nachträglich oder lasse sie wie sie sind. Eins von beidem. Ein fertiger Bildstil kann nicht ‚wissen‘, was ich bei einer Bearbeitung betonen oder erreichen will. Das ist sinnlos für mich. Soße.

Zu den harten Fakten: Langsam ist die Kamera. Der Start dauert ewig, je nachdem, ob man im Sleepmodus ist oder ob Android sich sogar ganz heruntergefahren hat. Die Sensorreinigung dauert ewig. Das Wegspeichern von RAW-Files dauert ewig (selbst wenn man den internen Speicher der Kamera nutzt). Und der Sucher schmiert bei Schwenks. Die eigentliche Bedienung der Kamera flutscht aber. Der Hauptmonitor lässt sich auf einem Level mit dem iPhone 6 bedienen (mein passendster Vergleich), nichts ruckelt oder hängt. Das hat nichts mit dem Touchscreen der NX 300 gemeinsam (und dabei hatte ich dem eigentlich auch nichts vorzuwerfen). Die Bedienung mit dem Daumenrad oder mit iFn am Objektiv sind ebenfalls ’snappy‘. Der Akku ist riesig und ausdauernd. Alles gut. Und so kommt es, dass die Behäbigkeit, die sich aus der Tatsache ergibt, dass man hier mit einem Computer fotografiert, in der Praxis bisher keine Rolle spielt. Stattdessen sorgt die Androidumgebung für einen entspannten Umgang, falls die App mal abschmiert (das ist mir am Anfang ein paar mal passiert, da hab ich eben auch mehr rumgespielt als fotografiert): Man schießt die App ab und startet sie neu. Fertig. Wie bei jedem anderen Computer auch.

Ich hatte die Galaxy NX nicht auf dem Zettel. Bei der Vorstellung fand ich sie viel zu teuer und das Bedienkonzept nicht sexy. Das letztere war, wie es aussieht eine Fehleinschätzung. Und das erstere hat sich mittlerweile erledigt. Hier spürt man, dass einzelne Händler mehr oder weniger panisch Ihre Lager räumen und dass das Samsung-System jeden Kredit im Fotobereich verspielt hat. Ein Wahnsinn. Noch vor einem Jahr waren die NX 1 und die NX 500 in aller Munde. Als Kameras mit dem besten APS-C-Sensor auf dem Markt. Und nun taugen sie nur noch als Kompaktkameras ohne Zukunft. Und damit schließt sich der Kreis. Ich habe drei Kameras ohne System. Kein Problem. Sind drei tolle Dinger.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schön zu lesen. Man spürt Deine Freude an dem Ding – auch wenn ich zwischen den Zeilen ein klitzekleines Lüftchen des Euphemisierens wehen glaube zu spüren.
    Egozentriert gruselt mir doch ein wenig beim mitfühlen. Dann streichle ich meiner 11 Jahre alten Nikon D200 über Magnesiumbuckel und Knöpfe und weiß, ich bin mehr der Typ Leatherman als der Typ mit dem Koffer voll Black & Decker.
    Liebe Grüße vom Ewiggestrigen! 🙂

  2. Danke Norbert! Ich sag’s mal so: wenn die Kamera teurer gewesen wäre, also zum Beispiel irgendwas mehrfach dreistelliges (vom Originalpreis mag ich gar nicht reden), dann wäre ich sicher weit weniger nachsitig mit ihren Schrullen und Macken. Aber das ist ja nicht der Fall. 😉

  3. Spannend. Ich wollte ja (und will immer noch) eine Lumix DMC-CM1. Aber mittlerweile gestehe ich mir ein, dass mein Fotografieverhalten nicht vom Equipment, sondern ausschließlich von mir bestimmt wird. Mit der Nikon V1 und einem neuen iPhone habe ich in den letzten zwei Monaten 2/3 meines Equipments gewechselt, aber es hat sich nichts verändert. Wenn ich Bock auf Fotografieren habe, schleppe ich auch mit Freude die D600 mit Tele mit. Oder ich lasse es. Und dann macht das iPhone 6s zugegebenermaßen bessere Bilder als das 4s. Aber nur bei schlechten Lichtverhältnissen. 🙂

  4. Angeregt durch die Diskussion auf digitalfototreff.de und Deinen Hinweis dort habe ich gern Deinen kurzweiligen zu lesenden Artikle hier aufgefunden.
    Die heiße Preis hat mich auch (fast) verführt. Da das Ding aber nur in CH zu dem Kampfpreis erhältlich war, konnte (zum Glück) inzwischen der Verstand einsetzen.

    Das gute Verhalten der Kamera beim Adaptieren von Altglas klingt einerseits interessant.

    Viele meiner Bilder entstehen aber unterwegs und ungeplant. Da ist das von Dir beschriebene (Nicht-)Tempo der Kamera beim Hochfahren und Speichern ein absolutes No-Go.
    Auch bewegte Objekte fallen da als Motiv eher raus.

    So habe ich mich gegen die Galaxy NX entschieden (hoffe ich ;-), auch wenn es zuletzt bei ebay neue Schnäppchen hierzu gab) und warte auf ein günstiges Angebot zur Sony Alpha 7. Die hat den besseren Sucher, bedient das Altglas im Vollformat und ist deutlich schneller. Nur der Preis wird die unmoralischen Regionen der Galaxy NX wohl nie erreichen…

    Viele liebe Grüße vom Belastungstester

  5. Ich mache meine GNX nur „an“, wenn ich vergessen haben den Akku wie beim Smartphone zu laden und er komplett leer ist, ansonsten ist die schlicht im Standby. Stromsparmassnahmen wie beim normalen Android sollte man sicher aktivieren (also ggfls WLAN und BT aus)

    Aus dem Standby, also drücken auf den ein/aus, kommt die Galaxy sehr schnell wieder zum Leben ähnlich einer normalen Kamera nach dem einschalten. Ich hab damit unterwegs keinerlei Probleme.

    AF-C und Gesichtserkennung funktioniert bei den NX mit PDAF generell recht ordentlich, solange du keine Serienbilder im AF-C versuchts, first shot AF-C ist ok

    Cheers, Oliver (aka Tjobbe)

  6. liest sich gut, allerdings kommt mir das Display etwas zu kurz. Es ist nach wie vor so krass weit entfernt von allem, was Mitbewerber anzubieten haben.
    Und das ist noch zurückhaltend ausgedrückt.

    Geschwindigkeit: da ist meine Erfahrung die gleiche wie bei Oliver:
    einmal einschalten, nach jedem Foto den Ein/Ausschalter KURZ betätigen und vor dem nächsten Foto kurz aufwecken.

    Blaue, braunrotgraue Grüße
    Norbert

  7. Grundsätzlich muss ich dir zustimmen, das Teil macht wirklich Spass.
    Zwei drei Kleinigkeiten hab ich aber anzumerken.
    Klaro wenn Android von ganz unten startet, dauert es seine Zeit, so 30 Sekunden allemal.
    Aber wenn die Cam nur schläft und du tippst auf den Auslöser ist sie in etwas 0.5-0.75 Sek bereit. Das ist meiner Meinung nach schnell genug.
    Was die Speicherzeiten angehen, knapp 3 Sekunden auf den internen Speicher für RAW+JPG oder etwa 4 Sek auf ne schnelle SD ist durchaus ok, wenn man bedenkt, dass da 50-60 MB weggeschrieben werden. Sicher für heutige Verhältnisse nicht mehr top, aber keine Bremse, der Puffer ist gross genug.

    Und mit SIM geht z.B auch so eine SIP Gate Zugang. Also auch relativ „normal“ telefonieren.

  8. Das schöne an einem Blog ist doch, dass man subjektiv und selektiv sein darf. Und gleichzeitig habt ihr natürlich völlig Recht. Die Startzeit der Kamera kann man auch schnell machen (Standby an, Staubrüttler aus) und der Monitor, klar, der ist der Hammer im Vergleich zu anderen Kameras. Dass ich das nicht mit vielen Worten kommentiert habe mag daran liegen, dass er eben auf der anderen Seite auch ganz normal ist, wenn man ihn stattdessen mit einem Smartphone vergleicht.

    Wirklich verblüfft war ich persönlich eben davon, dass mir all die vielen, vom Monitor verdrängten Knöpfe nicht fehlen. Dass ausgerechnet ein radikal modernes Konzept wieder zu einer leeren und einfachen Kamera führt. ?

  9. ja, die Einfachheit überzeugt tatsächlich wenn man sich darauf einlässt… und der minimalismus hinsichtlicher der Schalter und Knöpfe erlaubt ein sehr entspanntes Fotografieren

    Da die Galaxy über genug Rechenpower verfügt (auch nach drei jahren immer noch beeindruckend was geht) solltest du dir wirklich mal die Zeit gönnen und die Smartmodes ausprobieren.

    Ich finde gerade in JPEG glänzt die GNX gegenüber den anderen 20Mpixlern

  10. Noch als weiterer Nachtrag, man kann die Sensorreinigung auf Start oder Herunterfahren beschränken. Was die Startzeit aus dem Standby deutlich verringert.

    Ich würde empfehlen das WLAN so zu konfigurieren, dass er im Standby aus ist oder nur wenn
    am Ladegerät aktiviert ist. GPS kann man in den Sparmodus versetzen, dass nur das WLAN und
    2G, 3G Signal zur Positionsbestimmung verwendet, nicht aber die GPS Antenne. Und NFC würd ich dauerhaft deaktivieren oder nur aktivieten wenn gebraucht.
    Wenn man noch mehr Akku sparen will, hat das System noch einen konfigurierbaren Stromsparmodus. Da muss aber schauen ob einem die Performance noch reicht.

    Zusätzlich ist mir auf der GNX in knapp zwei Jahren noch keine App abgestürzt, weiss also nicht wie du das machst. ?

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