[iPhone 6] Hydra und Cortex – Wege zum besseren Bild?

Das iPhone 6 hat eine gute Kamera. Nicht atemberaubend aber gut. Wie schon immer bei Apple sind die Bilder von einer narbigen Körnigkeit, die nicht unangenehm ist. Eine Art von digitalem Korn, wenn man es gut meint. Die Kamera ist bei allem Lob, mit dem das iPhone gerne überschüttet wird, alles andere perfekt. Selbst bei den ISO 32, die die Kamera-App so oft als möglich verwendet. Sie bleibt eine Smartphone-Kamera.

Verschiedene Apps versprechen dennoch Abhilfe gegen das Korn. Und sie versprechen noch mehr. Nicht nur besser sollen die Bilder werden (besonders im Dunkeln), sie sollen auch noch höher auflösen. Sagenhafte 32 Megapixel spuckt die App ‚Hydra‘ aus, immerhin 12 sind es bei ‚Cortex Camera‘. Wie geht das?

Beide Apps nutzen Mehrfachbelichtungen. So um die 10 sind es bei bei ‚Cortex Camera‘, bei ‚Hydra‘ sind es auch mal 40 Aufnahmen und mehr, die zu einer Bilddatei zusammengerechnet werden. Die Ergebnisse sind teilweise verblüffend. Teilweise.

‚Hydra‘ ist eine sehr junge App. Der Versionszähler steht erst bei 1.1.1. ‚Hydra‘ bietet diverse Einstellungen an. Neben einigen HDR-Funktionen und einer Zoomfunktion, die ich mangels Interesse nur oberflächlich getestet habe, gibt es einen Modus für ‚LoLight‘ und einen für ‚HiRes‘. ‚LoLight‘ bietet Auflösungen von 3, 8 und 12 Megapixel, bei ‚HiRes‘ geht es mit 12, 16 und 32 Megapixeln weiter. Die Bildverarbeitung der beiden Modi unterscheidet sich spürbar voneinander.

‚LoLight‘ in der App ‚Hydra‘ liefert tendenziell etwas weichere Ergebnisse, weitgehend ohne Störungen und Artefakte. In diesem Modus soll die Kamera während der Aufnahme möglichst ruhig gehalten werden, idealerweise auf einem Stativ. Bewegte Motive führen zu dezenten Geisterbildern, in diesen Bereichen scheint die erste Teilaufnahme verwendet zu werden, um das Geschehen einzufrieren. Die Unschärfe wird aus weichgezeichneten Resten der weiteren Aufnahmen erzeugt, ähnlich wie bei ‚Slow Shutter Cam‘ (der App mit der ich meine ‚Lichtpfützen und Schattenseen‘ fotografiert hatte).  Der Bildeindruck ähnelt außerdem entfernt einer Aufnahme mit Blitz auf den ersten Verschlussvorhang: Ein vorbeifahrendes Auto ’schiebt‘ sozusagen einen Bewegungsschweif vor sich her. Der Effekt ist zwar nicht sehr ausgeprägt aber meist sehr unerwünscht. Oft möchte man Bewegung genau umgekehrt darstellen. Mit gezogenem Schweif. Im Gegensatz zu ‚Slow Shutter Cam‘ kann man das bei ‚Hydra‘ aber nicht beeinflussen.

1:1 Ausschnitt aus einem auf 200% (32 MP) extrapolierten Bild aus dem iPhone 6 vs. Hydra HiRes 32 MP

‚HiRes‘ geht anders zu Werke. Dort sind die Aufnahmen verblüffend scharf und detailreich, obwohl man die Kamera bei einer Gesamtbelichtungszeit von mehreren Sekunden unmöglich ruhig halten kann und das ausdrücklich auch gar nicht soll (auch ein Stativ ist unerwünscht). Die Aufnahmen sind scharf. Oder sie sind völlig wertlos: Sobald sich etwas im Bild bewegt hinterlässt das in den Aufnahmen Artefakte in Form von auffälligen Punktrastern. Ein Bild mit solchen Artefakten ist mit vernünftigem Aufwand nicht zu retten. ‚Hydra‘ ‚HiRes‘ ist also etwas für Architektur ohne Menschen, Landschaften ohne Wind oder einfach für Stillleben aller Art. Im täglichen Gebrauch eine recht drastische Einschränkung. Ich habe es praktisch nie (!) geschafft, im ‚echten Leben‘ ein hochauflösendes Bild mit der App zu fotografieren, das überall frei von Artefakten wäre.

1zu1 Ausschnitt aus 32MP

Artefakte an bewegten Bildteilen (1:1 aus 32 MP)

Und gleichzeitig ist es so, dass ein gelungenes Bild / ein gelungener Bildteil mit ‚Hydra‘ verblüfft. Spätestens wenn man eine 32 MP-Aufnahme am heimischen Rechner wieder auf 8 bis 12 MP herunterrechnet,stellt man fest dass von der groben Struktur eines iPhone-Bildes nichts mehr zu sehen ist. Kanten erscheinen nicht mehr fransig, Flächen nicht mehr flach. Das Bild gewinnt deutlich an Plastizität, Detail und Auflösung.

1:1 Bildausschnitte bei gutem Licht

Die zweite App ist ‚Cortex Camera‘. Sie ist schon deutlich länger auf dem Markt und richtet sich vorranging an den Gebrauch bei schlechtem Licht. Trotzdem gibt sie die Bilder nicht mit den physikalisch vorhandenen 8 Megapixeln sondern mit 12 MP aus. Wahlweise auch ohne jpg-Kompression als PNG. Der Bildeindruck gleicht eher dem der ‚LoLight‘-Funktion von ‚Hydra‘, gruselige Artefakte muss man also nicht fürchten. Auch die Bewegungsunschärfe beherrscht ‚Cortex Camera‘ besser und ist damit sehr alltagstauglich. Details gewinnt sie vor allem bei schlechtem Licht. So wie es ja auch beschrieben wird. Dann ist sie in meinen Augen auch ‚Hydra‘ deutlich überlegen.

Beide Apps sind etwas für die ruhigen Momente des Lebens. Bewegte Motive sind ihnen fremd. Trotzdem sind sie – mindestens bei schlechtem Licht – in der einen oder anderen Situation sehr hilfreich und helfen dabei, Bilder mit dem Handy einzusammeln, für die man eigentlich gerne eine bessere Kamera dabei hätte. Sie schieben wieder ein wenig an den Grenzen, die das iPhone setzt. Und das machen sie gut. Wenn man weiß, was sie nicht können: Bilder mit 32 Megapixeln aufnehmen zum Beispiel.

1:1 Bildausschnitte bei Dunkelheit

Mein Fazit: ‚Hydra‘ will viel. Eine spannende App mit großem Potenzial. Im Moment ist es eine App für Experimentierfreudige. Auf die Ergebnisse im Modus ‚HiRes‘ kann man sich nicht verlassen. Fast alle Bilder haben kleine Partien mit üblen Artefakten. ‚LoLight‘ ist besser. Leider nicht besser als ‚Cortex Camera‘. ‚Cortex Camera‘ ist nämlich eine einfache, reife App für die dunklen Momente im Leben mit einem iPhone. Die kann was.

 

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