[vom Zweck] eine Bilanz

Ich hatte für dieses Jahr allerlei fotografische Pläne. Und nun, da es so langsam zu Ende geht, blicke ich auf einige recht raumgreifende Lücken zurück. Und gleichzeitig auf Inseln. Ausbrüche, im doppelten Wortsinn. Die ‚verrissene‘ und schmerzhafte Turin-Serie, intensive Familienbilder aus dem Schwarzwald, ein paar Schritte in die ‚klassische‘ Straßenfotografie, Seestücke, mal sommerlich, mal kalt, karg und erfrischend. Vieles Anderes blieb Stückwerk. Lose Enden.

2013 war anders. Da hatte mich das Projekt ‚Heimatfilm‘ gefesselt und bei der Stange gehalten. Und dran zu bleiben hatte umgekehrt nicht nur der Serie sondern auch mir und meiner Fotografie gut getan. Am Ende war da erstmals ein stabil laufender Blog mit ein paar interessierten Lesern und zwei etwas ‚zusammengeschusterte‘ Notizbücher, die aber ganz gut für die Serie und für dieses Jahr stehen. Das passt.

Der ‚Heimatfilm‘ des letzten Jahres und die Inseln, die mir dieses Jahr gelungen sind, haben etwas gemeinsam. Darüber schreibe ich heute noch mal. Die langen Lücken, die ich dieses Jahr zugelassen habe, waren kein ‚kreatives Loch‘ (das ich zunehmend für eines dieser Mysterien halte, die es vor der Erfindung des Internets nicht gegeben zu haben scheint). Sie waren eher organisatorisch bedingt. Unsere Abläufe in der Familie haben sich geändert, zum Kindergarten der Einen kommt nun die Schule des Anderen dazu. Das war ohne Einschränkung eine positive Zeit: Jeden Morgen ein Spaziergang über die Felder, viel Zeit mit den Kindern, neue Kontakte knüpfen, alles gut. Dafür verzichte ich dann auch gern für einige Zeit auf die aktive und regelmäßige Fotografie. Prioritäten.

[vom Zweck] eine Bilanz-1(‚Käfer‘ – Artwork by Eva ;- )

Ich habe in dieser Zeit nicht damit aufgehört, über Fotografie zu lesen und mir anzusehen, was andere fotografisch tun. Meine eigene Fotografie zog sich aber mehr auf auf das Private zurück. Auch die ‚Inseln‘ waren in diesem Sinn privat. Sie konservieren etwas über über Menschen, Orte und Momente. Und eben auch ein Bild von mir selbst, auch wenn ich nie drauf bin. Ich scheue mich nicht, das als Erinnerungsfotos zu bezeichnen. Man soll den Tatsachen ins Auge sehen 😉 . Auch die Serie ‚Heimatfilm‘ kreist , die wie der Name schon sagt, um ein Stück meiner persönlichen Gegenwart, meines Alltags, wie das war und ist, hier zu leben. Die Serie ist mir auch heute noch ein Anliegen.

Wir leben in einer Zeit der Bilder. Das ist ein profaner Satz. Bilder sind überall. Fotografie im Nirvana zwischen Freizeit, Internetkommunikation und Kunstform ist ein absolutes Massenphänomen. In jeder wachen Stunde prasseln Bilder auf uns herab. Und viele davon sind gut, besser oder herausragend. Landschaften, Straßenszenen, Architektur, Makros, Portraits, Dokumentationen, Abstraktionen. Viele Fotografen versuchen etwas Eigenständiges zu kreieren. Oft sehe ich eine Suche in den Bildern. Gesucht wird in den Sujets, gesucht wird in den Mitteln: Gestern HDR, heute Mattlook, hier die technische Perfektion, dort die Reduktion auf analoge Mittel, mal die Schwarzweißumsetzung, mal die Klarheits- und Dynamikzauberei.

Manche scheinen weiter. Sie haben etwas gefunden. Machen ihr Ding. Ich werde eher ein Suchender bleiben. Und das will ich auch. Aber ich merke, wie die Fotografie als Selbstzweck für mich schleichend an Bedeutung verliert. Fotografieren macht mir wohlgemerkt einen Heidenspaß! So ein Spaß kann durchaus ein Wert an sich sein! Aber er hinterlässt fast so etwas wie einen Kater, wenn die Bilder mir später nichts bedeuten und wenn Sie nur Daten bleiben. Selbst wenn sie als Daten positives Feedback erzeugen.

Über dieses Feedback kann man eigene Abhandlungen schreiben. Thomas Leuthard hat ein ganzes eBook dazu verfasst, wie man z.B. bei Flickr Feedback erzeugt. Ich hab es gelesen und empfand es als einen interessanten Einblick in die Mechanismen der Internetöffentlichkeit. Allerdings habe ich daraus vor allem gelernt, um was es mir nicht geht. Ich folge auch weiterhin lieber Leuten, die mich menschlich interessieren oder deren Fotos mir etwas sagen. Ich werde nicht damit beginnen, Leuten nur deshalb zu folgen, weil oder damit sie mir folgen. Am wichtigsten ist, was die Menschen denken, die ich gut kenne. Sei es nun aus dem Netz oder aus dem Leben 1.0

Warum ist das so, dass uns in all dieser Fülle und Flut von Bildern manche ansprechen und andere stumm bleiben? Wen spreche ich mit meinen Bildern an und für wen bleiben sie stumm?

Als Architekt bin ich schon immer ein Rationalist. Am Anfang steht ein Lastenheft. Was muss ein Entwurf können? Welches Raumprogramm ist zu erfüllen, wie geht das funktional, städtebaulich, stadträumlich, im Kontext, wirtschaftlich für den Bauherrn und ganz unmittelbar für den Nutzer? Material und Gestalt sind Folgen dieser Überlegungen. Nicht der Ausgangspunkt. Die Lösung versteckt sich in der Aufgabe. Und das Bauen ist nur in wenigen Ausnahmefällen zweckfrei. Vielleicht nie. Zweckfreie Fotografie scheint dagegen recht häufig. Oder der Zweck reduziert sich auf die Suche, die Sucht oder die Flucht, auf den Zeitvertreib oder auf die Rechtfertigung eines ganz anderen Hobbies (nämlich das Kaufen von neuen Spielzeugen, die Beschäftigung mit der Technik, die Bildbearbeitung, das Netzwerken bei Facebook, Flickr, Instagram, auf Blogs, in Foren usw.).

Ich bin so ehrlich mit mir, gut zu wissen, dass manches davon auf mich zutrifft. Schlimm fand ich das nie und stehe auch heute vollkommen dazu. Trotzdem glaube ich, dass sich so langsam mein kreativer Rationalismus durchsetzt. Und das fühlt sich gut an. Fotografie braucht Zweck. Und ein Ziel, das man in Händen halten kann. Ich merke, dass das für mich immer entscheidender wird. Das ist nicht ganz neu. Aber es ist meine Bilanz 2014.

 

 

 

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eine schöne Bilanz. Mir geht’s ähnlich wie Dir – und das nicht nur wegen des neuen Schulwegs 🙂

    Ich habe auch festgestellt, dass ich mittlerweile wieder mehr Erinnerungsfotos, wie Du es so schön nennst, mache. Und ich genieße es, dass mein Lightroom-Katalog ein persönlicher Rückblick auf das Jahr ist. Ich blicke zwar immer leicht neidisch auf Fotografen, die „ihr Ding“ gefunden haben, habe aber mittlerweile eingesehen, dass ich das weder kann noch möchte.

    In diesem Sinne wünsche ich Dir und Deiner Familie schon Mal frohe Festtage und ein kreatives Jahr 2015 🙂

    Sebastian

  2. ….mich sprechen sie an. Vielleicht auch, weil du es immer wieder verstehst, mit beidem – Wort und Bild – eine Brücke zu mir aufzubauen. Informativ, ehrlich, persönlich.
    Ich freue mich auf deine Beiträge. Mir geben sie Input und Motivation.

    Auf diesem anonymen Weg unbekannter/bekannter Weise: Ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für Dich und deine Familie für das neue Jahr.

    Werner

  3. Hallo Stefan, das Wort, welches mir hier entgegenspringt, ist „Zweck“. Ich mag es nicht, da es nichts damit zu tun hat, dass ich sehe und empfinde, sondern nur damit, was ich erreichen möchte bzw. muss. Was ja leider der Fall sein kann, wenn du die Wünsche anderer befriedigen möchtest oder sogar musst. Ich glaube, Fotografie ist immer dann am besten, wenn du wirklich das tust, was wie von selbst aus dir heraus will. Wenn du authentisch bist, dein Ding machst. Aber eben das ist nicht immer einfach. Sich frei machen von Zwängen erfordert ein hohes Maß von bei sich bleiben. Du hast die Gabe in Bild und Wort und deswegen lese und schaue ich hier gern. LG, Conny

  4. – ohne Kommentar –
    Kennst mein Jahr. Kennst auch meine Themen. Meine Zweifel sind noch größer.

    Ich wünsche Euch ein Frohes Fest und einen gesunden Rutsch nach 2015.

    lg, oli

  5. Der Zweck zwischen ‚Wollen‘ und ‚Müssen‘ :-D. Ein konsequenter Gedanke, Conny! Du weisst wahrscheinlich noch, dass ich genau das im Sommer für mich entschieden hatte: Nicht müssen zu müssen, nur wollen zu wollen ;-). Mit diesem Argument hatte ich mein ‚4×13‘-Projekt fallen lassen. Was OK war.

    Lustigerweise ist das Wort ‚Zweck‘ bei mir nicht notwendigerweise mit dem ‚Müssen‘ verknüpft. ‚Zweck‘ ist für mich eher der sichere Bohlenweg, den ich mir durch die Untiefen der unzähligen Möglichkeiten ausrolle. Für mich ist es zum Beispiel ein Zweck, zu fotografieren wie ich mich fühle. Es ist ein Zweck, einen flüchtigen Gedanken festzuhalten, in Bildern. So wie ich es dieses Jahr – seit dem Sommer – meistens gemacht habe. Die Wünsche anderer spielen nur eine Rolle, wenn es die meiner Frau oder meiner Kinder sind. Und das kommt selten vor. Die finden das meistens so in Ordnung, wie ich es mache…

    Vielleicht bin ich immer noch zu sehr mit dem Kopf unterwegs. Wenn man weniger fotografiert, werden die Möglichkeiten, ‚was man mal machen könnte‘ schleichend immer und immer… …größer! Und zu viele Möglichkeiten lähmen mich eher, als dass sie mich beflügeln würden. Ich suche die Reibung an Zwängen und Engstellen. Je genauer ich mir eine Aufgabe, ein Problem, einen Gedanken, ein Konzept ansehe, desto klarer wird der Entwurf. Aber natürlich gehört dazu auch, zu intepretieren oder behaupten.

    Ich rede am Schluss auch noch von Zielen. Ich hab viel darüber nachgedacht, was ich eigentlich will, mit meinen Fotos. Und so ein Jahreswechsel bietet sich ja irgendwie an, sich was vorzunehmen. Ich mag Bilder an Wänden. Nur hab ich nicht unendlich viel Wand hier in der Wohnung. Für ganze Serien ist es jedenfalls zu wenig :-). Aber ich liebe Bücher. Ich will selbst kleine Serien von vornherein als Buch denken. Das ist ein Ziel. Aber nur ein dingliches. Einen Zweck brauchen die Bilder dann immer noch :-P.

    Danke Euch Vieren! Und ich wünsche auch Euch von Herzen glückliche Feiertage und einen guten Rutsch in ein tolles Jahr 2015!

  6. Pingback: [bloggen] Rückblick, Ausblick, das übliche zum Jahreswechsel | Stefan Senf – Motivprogramm

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